Heimatsuche

Als wir noch in der Heimat waren, war alles anders. Damals, so glaube ich heute, hatte ich keine Probleme, keine Sorgen, keine Zweifel. Das mag sogar stimmen, denn damals war ich noch klein. Heute bin ich erwachsen und schon das Erwachsensein an sich bringt so viele Probleme mit sich, dass man vermutlich, ganz unabhängig vom Ort, an dem man sich befindet, nie mehr so sorglos sein kann wie früher als Kind. Manchmal erinnere ich mich an dich zurück. Dann überkommt mich ein beklemmendes, unsicheres Gefühl. Ich sehne mich nach dir. Nein, ich sehne mich nicht nach dir, sondern nach der Vorstellung, die ich von dir habe. Du bist in meiner Vorstellung und in meiner Gefühlswelt anders als in der Realität. Es war nicht optimal für uns damals und dort; das sagten früher meine Eltern. Heute sagen sie das nicht mehr. Heute haben sie eine realitätsfremde, utopische, nostalgische Vorstellung von dir – sie idealisieren dich, wie es dir nicht gebührt. Wäre es damals so wunderbar gewesen, wären wir nicht hierher gekommen. Gut, wir kamen, um wieder zu gehen, aber das ist ein anderes Kapitel.

Wenn ich mich daran zurückerinnere, wie es war, als wir noch bei dir lebten, dann sehe ich schönes Wetter, Sommerkleider, Blumen auf der Wiese und ich höre hupende Autos. In dieser Stadt war das Leben und wir waren mittendrin. Mein Schulweg war entlang einer dreispurigen Strasse. Ich ging in eine ziemlich grosse Schule. Ich erinnere mich noch an das Gebäude, an einige Mitschüler, ja, sogar an die Lehrerin. Und ich weiss noch, wie die Bücher waren. Nicht die einzelnen Bücher aus den einzelnen Fächer, aber einige Fragmente erinnere ich durchaus. Die Bücher waren farbig, aber inhaltlich nicht kindergerecht gestaltet. Und es wurde gelehrt und gelehrt und gelehrt. Früh beschäftigten wir uns schon mit Potenzen und Dreiecken. Hier war das erst viel später der Fall. Ich hatte Dreiecke, Wurzeln und Integrale schon völlig aus meinem Gehirn verdrängt – irgendwie hatte ich den Eindruck, dass sie hier gar nicht existierten –, als sie viele Jahre später auch hier in der Schule auftauchten. Hier war die Schule eher ein Ort, an dem man sich künstlerisch und musisch entwickeln sollte. Man wurde sogar im Rechnen dazu gezwungen, Bilder auszumalen – und zwar bis zum Umfallen. Oft musste mir spätabends meine Mutter beim Ausmalen dieser Bilder helfen, weil ich sonst ohne vollendete Hausaufgaben in der Schule hätte auftauchen müssen und das kam selbstverständlich nicht in Frage. Wenn ich mich heute an diese Rechenbilder zurückerinnere – man muss einfache Additions- und Subtraktionsaufgaben lösen und malt dann einen Teil eines Bildes je nach Ergebnis mit einer bestimmten Farbe aus –, frage ich mich, welchen pädagogischen Hintergedanken diese Übungen gehabt haben sollen. Ich würde als Mutter diese Aufgaben boykottieren. Das kann doch keinen Sinn haben, dass man für das Ausmalen ungefähr zehn mal so viel Zeit aufbringen muss wie für das Lösen der Rechnungen. Na, jedenfalls überforderten mich diese Malaufgaben zeitlich dermassen, dass ich wohl schon damals der Mathematik abschwor. Schade eigentlich. Erst viel später realisierte ich nämlich, dass Mathematik nicht oder nicht auschliesslich für besonders intelligente Menschen gedacht ist. Mathematik ist logisch – und wenn ich weiss, welche Formel ich für welche Aufgabe benutzen muss, dann löse ich die Aufgabe richtig, selbst wenn ich keine Ahnung habe davon, worum es eigentlich geht oder was ich überhaupt genau berechne (was später immer öfter vorkam).

Gut, aber ich will jetzt eigentlich nicht über Mathematik, einem Wissenschaftsbereich, den ich heute nur höchstens als Prozentrechnen im Alltag benötige, reden. Wir waren ja bei der Schule. Ach, es war schrecklich. Als ich hierher kam und kein Wort der damals für mich nach Kauderwelsch klingenden Sprache verstand und nach kürzester Zeit daran zweifelte, dass es mir jemals gelingen würde, diese Sprache auch nur passiv und wenig zu verstehen, da war meine Persönlichkeit eigentlich schon gebrochen. Als mich dann die Kinder deswegen noch auslachten – denn Lachen ist eine Universalsprache, die jeder versteht; das gilt übrigens auch für ein herzliches Lächeln, sogar Empathie ist universell –, war ich endgültig am Verzweifeln. Dieses Land, in dem ich mich heute so zuhause fühle wie in keinem anderen, hat mir so viel Kummer bereitet, dass ich mich manchmal frage, wie ich das überhaupt bewältigt habe. Das hört sich jetzt so dramatisch an. Eigentlich fiel es mir wohl als Kind gar nicht so schwer. Klar: Ich habe gelitten, manchmal geweint, war oft ausgeschlossen und einsam, aber als Kind erträgt man das alles viel besser als im Erwachsenenalter. Ich hatte ja schliessich gar keine Wahl: Ich musste so schnell wie möglich nicht mehr unterscheidbar von den anderen werden. Diese Strategie verfolgte ich auf der Überholspur und in kurzer Zeit gelangte ich zum Ziel. Wenige Monate später hörte man nicht mehr, dass ich eigentlich gar nicht von hier bin (bin oder war?), nicht wirklich Teil dieser Gesellschaft bin (oder war?), dass ich – damals noch – in einer anderen Sprache dachte und (ja, schon wieder) rechnete. Und so war ich binnen kurzer Zeit und ohne grosse Anstrengungen – und vor allem ohne, dass sich irgendjemand mit Massnahmen, Programmen oder sonstigen Angeboten, Projekten oder gar schriftlichen Vereinbarungen eingemischt hätte – wie man so schön sagt: integriert.

Integration – ist lateinisch und bedeutet Eingliederung und (schon wieder!) Berechnung eines Integrals, was aber natürlich nicht gemeint ist. Eingliederung. Ich denke dabei an eine Kette, deren Teilchen sich gelöst hat und man gliedert dieses Teilchen wieder ein, damit die Kette vervollständigt wird. Die Frage ist nun: War diese Gesellschaft unvollständig ohne mich? Unvollständig, bevor ich mich ihr eingegliedert habe? Wohl kaum, darum weiss ich auch nicht, ob Integration das beste Wort ist für diesen Vorgang – rein etymologisch gesprochen natürlich. Aber ich will hier ja nicht über Integration reden, obwohl ich es wohl immer wieder tun werde, aber eigentlich geht es ja um etwas anderes. Um dich.

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