Zuhause ankommen

Ich frage mich, ob man als junger Mensch immer eine Suche nach dem Ich, nach einer Selbstidentifikation durchlebt. Oder geht das nur jenen so, die nicht so richtig dazu gehören? Jedenfalls weiss ich, dass sich Menschen, die irgendwie „deplatziert“ wurden, also sagen wir: Von einem an einen anderen Ort umgesiedelt sind, sich wieder finden müssen. Zum Glück merken das die Menschen erst, nachdem sie irgendwo richtig angekommen sind. Bis sie so richtig ankommen, sind sie mit so viel Bürokratie oder schrecklichen Schlepperrouten beschäftigt, dass sie gar keine Zeit haben, sich zu überlegen, wer sie sein werden, wenn sie erst mal physisch angekommen sind. Und ob sie jemals psychisch ankommen, ist wieder eine andere Frage. Kann man überhaupt psychisch ankommen? Ich meine, kann man sich irgendwann einmal an einem ehemals fremden Ort so wirklich zuhause fühlen? Ist man nicht immer der, der die Sprache nicht hunderprozentig beherrscht? Ist man nicht immer der, der sich optisch von „allen anderen“ (wie sehen „alle anderen“ eigentlich aus?) unterscheidet? Kann man irgendwann sein neues Zuhause als solches fühlen? Ehrlich und ernsthaft fühlen, meine ich – ohne Farce, ohne sich einreden zu müssen, man sei hier oder dort eben besser aufgehoben; ohne sich die Lebensbedingungen schönreden zu müssen. Ich meine: ankommen. Vielleicht sollte ich langsam darüber mit den Menschen reden und nicht immer über ihre Erfahrungen an diesem anderen Ort.

Bleiben wir aber zunächst einmal bei diesen Erfahrungen. Darüber könnte man bekanntlicherweise Bücher schreiben. Interessiert das eigentlich auch andere ausser mich? Das spielt ja keine Rolle, mich interessiert es. Wie wir aus den Medien und aus der Politik erfahren haben, können wir ja auf ganz verschiedene Art und Weise anders sein. Mit „wir“ meine ich die Menschen, uns. Wir können uns optisch wenig, mässig bis sehr vom Durchschnitt (was ist der „Durchschnitt“?) unterscheiden, wir können uns auch sprachlich wenig, mässig bis sehr unterscheiden; in unserer Mentalität, Erziehung, Kultur, in unseren Gebräuchen, in dem, was wir für „normal“ halten, in dem, was wir für üblich erachten oder worüber wir denken, dass es sich gehört oder in dem, was wir für schön halten. Wir können uns anders begrüssen, rauer oder feiner miteinander reden, manche töten keine Fliegen und manche töten jedes Insekt, das ihnen im Weg steht. Manche von uns sind aber auch besonders klug, besonders hübsch, besonders schlagfertig oder anders besonders. Aber immer besonders. Besonders sind wir alle. Und wir fallen auf, ob wir nun wollen oder nicht. Manche fallen mehr auf, andere weniger. Manchmal wollen wir auch auffallen! Als Protest oder als Demonstration, dass wir da sind und dass es uns gibt. Und dann sprechen wir lautstark unsere Sprache, um zu zeigen: Wir sind hier und keiner versteht uns. Gut, keiner vielleicht nicht, aber: Du verstehst du uns nicht! Und wir können über dich reden oder über uns und du verstehst kein Wort! Vielleicht ist das auch eine Art Rache für die Situationen, in denen uns gesagt wurde: Du gehörst hier gar nicht hin. Oder: Geh wieder dorthin, wo du hergekommen bist. (Wieso schickt mich einer, irgendeiner, wieder nach Hause, nur weil ich ihm irgendwie nicht passe? Andere Geschichte.) Und manchmal würden wir lieber inkognito herumlaufen oder gar im Erdboden versinken. Das kommt alles vor.

Ich kenne diese Gefühle gut. Gut, wenn ich – sagen wir einmal – im Zug sitze, fragt mich keiner (hier reden Fremde ohnehin nicht miteinander, ob man nun auffällt oder nicht), woher ich kommen würde. Und wenn ich mit jemandem rede oder gar streiten würde, würde er mir – solange er meinen Namen nicht kennt – nie sagen: Geh zurück, wo du herkommst! Aber anderen geht es anders. Anderen sieht man an, dass sie irgendwie – zumindest rein theoretisch – von woanders her kommen. Oder, um es mal so vorsichtig wie möglich zu formulieren: Dass vielleicht die Eltern oder Vorfahren andere Wurzel haben. (Ui, da wird mir ja fast schlecht vor „political correctness“ – Diplomatie ist ja sonst weniger mein Talent.) Diese Geschichten sind eigentlich die lustigen. Und traurigen – elendig traurigen. Selbst wenn man die Sprache, die gesprochen wird, wie ein Muttersprachler beherrscht: Man sieht trotzdem anders aus. Und die Menschen reden einen an, als wäre man ein dahergelaufener Taugenichts oder sie reden gleich in einer anderen Sprache. Beeindruckend ist es erst dann, wenn man muttersprachlich kontern kann. Aber das kann nicht jeder. Und was, wenn man es eben nicht kann?

Ich habe mich auch schon dabei ertappt, wie ich Leute, die einen Stadtplan in der Hand hielten, auf Englisch fragte, ob ich ihnen helfen könne. Meist sahen diese Personen – zugegebenermassen – nicht aus wie der berüchtigte Durchschnitt. Stell dir vor, du bist hier heimisch (ach, heimisch? Sagen wir, du wohnst hier) und gehst quasi als Tourist in eine andere Stadt, um dir diese anzusehen. Stell dir vor, du läufst herum und jemand spricht dich auf Englisch an. Ist das schon Diskriminierung?

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