Nach Hause kommen

Der amerikanische Zöllner fragt mich pflichtbewusst: „Where are you going?“ Und ich sage, ohne nachzudenken: „Home.“ Im gleichen Moment frage ich mich, ob das wahr ist. Ist mein Zuhause dort, wo ich lebe, wo ich arbeite, wo mein gesamtes Umfeld ist? Er fragt: „Where is home?“ Und da ich froh bin, wenn ich diesen Teil der Reise hinter mir habe und mich vor philosophischen Gesprächen mit amerikanischen Zollbeamten hüten will – man weiss ja nie –, antworte ich, diesmal weniger reflexartig: „Switzerland.“ Es ist mehrmals vorgekommen, wobei ich fairerweise zugeben muss, dass das nicht am Flughafen war, dass mich Leute erstaunt anschauten, als ich dieses Wort sagte. Sie fragten nach und baten um eine Wiederholung. Was tut man dann? Ich versuche es jeweils mit: „Do you know swiss cheese? It’s from Switzerland.“ Manchmal hilft noch nicht einmal das, denn es ist oft vorgekommen, dass ich realisiert habe, dass Menschen „Swiss“ nicht automatisch als Herkunftsangabe zu „Switzerland“ verstehen. Wie dem auch sei. Jeder kennt das.

Jedenfalls zurück zum Flughafen. Es ging mir nicht aus dem Kopf. Ich flog nach Hause, das war schon klar. Wenn ich am Flughafen Zürich ankomme und gezwungen bin, in die Heidi-Metro einzusteigen und es dann Jodelmusik trällert, dann fühle ich – auch wenn es mir ein wenig peinlich ist – einen Hauch von home. Verstärkt wird dieses Gefühl durch die Heimfahrt. Die grünen Weiden, die Hügel, die Berge, ja sogar die Kühe – sie vermitteln uns ein durch Medien konstruiertes Bild von Heimat. Der Geruch. Die Sprache? Ja, im ersten Moment trägt auch der Dialekt dazu bei, aber im zweiten Moment denke ich bereits wieder: Jetzt höre ich wieder nichts Anderes mehr als das. Und dann nervt es mich schon wieder. Dann nerven mich die Zugpassagiere, die alle eigenbrötlerisch in Ihre Gratiszeitung starren, als ob es da etwas Interessantes zu lesen gäbe. Und die mit den Hunden. Die nerven mich auch. Und es nervt mich, dass jeder einen Vierersitz besetzen muss, auch wenn er alleine fährt. (Und noch mehr nervt mich – dass ich das ebenfalls tue.) Und die Gespräche der Teenies über Liebeleien oder gar über Politik. All das nervt mich dann. Ich fahre also nach Hause. In meiner Heimatstadt angekommen, bin ich in meinem geschützten Biotop. Hier bin ich zuhause und hier ist mein Heim.

Oft verkrieche ich mich hier nach langen Reisen, betrachte mein Refugium und stelle fest, dass ich es vermisst habe. Ja, irgendwie freue ich mich dann, wieder hier zu sein. Doch dieses Gefühl hält oft nicht lange an. Nach wenigen Wochen oder, wenn ich Glück habe, Monaten muss ich wieder raus in die Welt, um später wieder zuhause zu sein. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s