Liebe: Eine Kulturgeschichte

Habt ihr euch jemals Gedanken darüber gemacht, wie das Kulturkonstrukt Liebe früher funktioniert hat? Denkt ihr, dass es früher einfacher war? Wenn ja, dann habt ihr vermutlich Recht. Früher war der Heiratsmarkt überschaubar. Ein Mann hat um eine Frau geworben und die Frau hat sich dann für ihn oder für den nächsten entschieden. In der Vormoderne waren Gefühle nämlich die Konsequenz von Handlungen. Heute ist es genau umgekehrt: Gefühle entwickeln sich in der Regel vor konkreten Handlungen. Wir können uns verlieben und steuern dann eine Partnerschaft an. Zudem werden unsere Gefühle häufig durch die Gefühle anderer gesteuert. Wenn wir also jemanden kennen lernen, dessen Interesse an uns klar ist, sind wir viel eher in der Lage, Gefühle zu entwickeln, wenn vom Gegenüber Gefühle gezeigt – oder zumindest ausgesprochen werden.

Heute haben wir eine unüberschaubare Zahl von Wahlmöglichkeiten. Oder wir glauben, die Wahl zwischen Tausenden, Hunderttausenden, ja – dank des Internets – sogar zwischen Millionen von potentiellen Partnern zu haben. Wenn wir heute jemanden zurückweisen, so weisen wir sein Selbst zurück, denn die Liebe hat sich auf das Wesen des Menschen projiziert. Wir weisen einen potentiellen Partner auch zurück, weil die Erotik beziehungsweise die erotische Anziehung eine Voraussetzung für die Liebe geworden ist. Ist also ein potentieller Partner nicht attraktiv, probieren wir es meist gar nicht. Es könnte sich ja noch etwas viel Besseres ergeben. Früher war das nicht notwendigerweise der Fall. Während früher der soziale Aufstieg ausschlaggebend für eine „Wahl“ war, sind es heute andere Kriterien, die uns dazu bewegen, jemanden zurückzuweisen oder anzunehmen.

Und dann ist da die Sache mit dem Sex. Heute wechseln wir Sexualpartner, wie es uns beliebt. Wir – Frauen wir Männer – haben ja die Wahl! Und die Möglichkeit! Und wir nützen diese aus. Früher war Enthaltsamkeit – insbesondere für die Frau – ein Zeichen von Ansehen in der Gesellschaft. Das hat sich heute abgeschwächt. Da die Frau früher enthaltsam war, konnte sie auch nicht aktiv um einen Mann werben. Dies wiederum heisst, dass der Mann aktiv sein musste. Heute ist das anders: Männer und Frauen sind vermeintlich gelichberechtigt. Also können und sollen Frauen genauso aktiv sein wie Männer, wenn es um die Werbung geht.

Hinzu kommt, dass sich die Menschen – Frauen wie Männer – nicht so richtig binden wollen, weil ja noch ein Traummann oder eine Traumfrau hinter der Ecke stehen könnte. Früher war die gesellschaftliche Existenz für den Mann von der Frau abhängig beziehungsweise vom Zivilstand, verheiratet zu sein. Ein verheirateter Mann war angesehener als ein Junggeselle. Daher hatten Männer auch kein Problem damit, eine Bindung einzugehen. Männer wollten sich binden und verbinden, denn dadurch zeigten sie Standhaftigkeit, Zuverlässigkeit, und das wiederum war Teil des guten männlichen Charakters.

Es ist jedoch erwiesen, dass Männer von einer Ehe stärker profitieren: Die Frau pflegt Beziehungen mit seinem Umfeld, achtet mehr auf seine Gesundheit und die Männer haben jemanden, der sich um sie kümmert. Und was hat die Frau davon? Wenig! Darum sehen Frauen heutzutage die Option, Junggesellin zu sein, als eine attraktive. Sie sind auch wirtschaftlich besser gestellt als früher. Mit anderen Worten: Frauen wollen sich auch nicht binden, weil sie eine Bindung nicht brauchen.

Und dann kommt noch die Sache mit der Bildung und dem Status hinzu. Während Frauen gleich oder besser gebildete Männer bevorzugen, also aufwärtsorientiert sind, bevorzugen Männer Frauen, die weniger gebildet sind. Das wiederum heisst, dass die Männer, die von gebildeten Frauen vorgezogen werden, nicht unbedingt an gleich gebildeten Frauen interessiert sind. Somit haben Männer einen viel grösseren Wahlpool als gebildete Frauen.

Schliesslich erschwert uns heutigen Menschen die mediale Welt die Partnerwahl. Wir werden nur so von Romantik und der perfekten Liebe genährt; sei es mit Romanen, Filmen, mit dem Internet, mit Bildern usw. Jeder von uns hat eine genaue Vorstellung von einem Partner; wie er/sie aussehen, sich verhalten, gebildet sein soll. Und wir haben eine klare Vorstellung davon, wie eine romantische Liebe aussieht, wie sie verläuft und dank der Happy Ends in Filmen und Büchern, die eben meist mit dem höchsten Liebesglück enden, wissen wir genau, wie wir uns die perfekte Liebe vorstellen. Wenn die erste Phase der Annäherung dann nicht nach diesem Muster verläuft, neigen wir dazu, enttäuscht zu sein, was im Übrigen gesellschaftlich völlig akzeptabel ist. (Vgl. Illouz, Eva: Warum Liebe weh tut.)

Ich möchte euch wärmstens eine zweimal im Jahr erscheinende, sich mit feministischen und geschlechtsbezogenen Fragen auseinandersetzende Zeitschrift empfehlen, über die ihr euch hier informieren könnt: hwww.rosarot.uzh.ch/index.html

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