Dürfen wir auch mal „versagen“?

Wenn unsere Gesellschaft – oder besser gesagt: jedes einzelne Individuum – vor etwas Angst hat, dann ist es die vor dem Versagen. Der Kampf gegen das „böse Versagen“ beginnt ja schon in der Schule: gute Noten nach Hause zu bringen, ist der einzige „Job“, den man als Kind hat. Der einzige? Klar, neben dem Instrumental- und dem spezifischen Sportunterricht. Allenfalls wird man auch noch anderweitig musisch oder – wenn man Glück hat, und ich meine das wirklich ehrlich, sprachlich gefördert. Bei mir persönlich war das alles der Fall. Dafür bin ich meinen Eltern unbeschreiblich dankbar. Trotzdem soll es in diesem Beitrag um das Versagen und die unsägliche Angst davor, gehen. Wo waren wir stehen geblieben?

Genau; das Kind wird gefördert und gefordert, die Eltern versuchen im Normalfall das Beste aus dem Kind rauszuholen; wer weiss, vielleicht wird es ja der nächste Michael Jackson, Roger Federer oder Van Gogh, wobei letzterer bekanntlich zeit seines Lebens nie ein einziges Werk verkauft hat und praktisch als Einzelgänger gestorben ist, was natürlich nicht wünschenswert ist. So weit, so gut. Die Absichten der Eltern sind gut und lobenswert, auch lohnenswert. Meist können die Kinder den „Stress“ ziemlich gut bewältigen. Zudem lernen sie schon früh, sich auf viele verschiedene grössere oder kleinere Talente zu konzentrieren und diese auszubauen.

Irgendwann geht es um die Berufswahl. Wenn man die Erwartungen der Eltern bezüglich der Noten bis hierhin einigermassen hat erfüllen können, wünschen sich die Eltern – ich sage wieder: im Normalfall, im Wissen, dass es auch andere „Arten von Eltern“ gibt –, dass man die bestmögliche Berufswahl trifft. Also absolviert man – mehr oder weniger erfolgreich – eine Berufsausbildung oder man studiert, später sucht man sich eine Arbeitsstelle und dann fängt es meiner Meinung an. Bis hierhin war alles ziemlich gut zu bewältigen.

Ich persönlich dachte immer, mit dem ersten richtigen Job sei das Werk vollbracht. Wie ich mich geirrt habe! Und nicht nur ich habe mich geirrt, wie ich im Gespräch mit Freunden und Bekannten feststelle. Nein, jetzt fängt es erst richtig an! Jetzt geht es um Karriere, um eine ausgeklügelte Strategie für die richtige Laufbahn; es geht um Weiterbildungen und ums „Aufsteigen“, es geht darum, als erster ins Büro zu kommen und als letzter zu gehen, schliesslich will (und muss!) man sich (und vor allem den anderen!) etwas beweisen.

Jetzt kommt das, worauf ich hinaus will: Was, wenn man eigentlich ganz zufrieden ist mit dem Job, den man gerade macht; was, wenn man eigentlich gar nicht CEO der Bank werden will, in der man arbeitet; was, wenn man so zufrieden ist und nicht unbedingt aufsteigen und sich ständig weiterbilden will? Was, wenn man Angst hat vor der Verantwortung, die einen – um Gottes Willen, das darf man ja gar nicht sagen – überfordern würde? Darf man das? Darf man Angst haben vor der Verantwortung, darf man sich vor dem Aufsteigen „drücken“? Darf man bleiben, wo man ist, zumindest für eine Weile? Ich sage nein! Und ich sage nicht nein, weil ich finde, dass man nicht Angst davor haben darf oder nicht unbedingt aufsteigen muss; ich sage nein, weil die Gesellschaft es nicht toleriert. Wieso willst du nicht aufsteigen, wo du doch das Potenzial dazu hast? Wieso willst du dich nicht weiterentwickeln? Dein Wissen ausbauen, erweitern, gezielt einsetzen – und das heisst übersetzt: dein Wissen und Können, deine Fähigkeiten, seien sie tatsächlich gegeben oder nicht, in Geld umwandeln?

Und da wären wir schon beim Eigentlichen angelangt. Geht es denn wirklich um das Sich-Weiterentwickeln? Geht es uns wirklich darum, an uns zu arbeiten, Wissen anzuhäufen, das uns – auch persönlich – weiterbringt? Und ich sage wieder nein! Nein, es geht nicht darum, dass wir das Bedürfnis haben, das zu tun, weil wir das nämlich bereits vor diesem ersten Job getan haben. Es geht lediglich um das Geld. Wer nämlich Macht hat, hat automatisch auch Geld und dadurch wird wiederum bewertet, wer man ist! Traurig, wie ich finde. Sagt also meine Wohnung etwas darüber aus, wer ich bin? Ich finde nicht und es gibt bestimmt viele von euch, die das genauso sehen. Nur leider sind wir mit dieser Meinung nicht die Stimme der Gesellschaft. Damit müssen wir wohl leben.

Wenn wir die Sache mit dem Geld mal „abgehackt“ haben, stellt sich eine weitere Frage: Wollen wir uns weiterentwickeln? Ich meine, wollen wir an uns, an unserer Persönlichkeit, an unserer Bildung, arbeiten? Und ich sage ja! Ich bin davon überzeugt, dass der Mensch an sich extrem wissensgierig ist, dass er wissen will, was ihn interessiert (ja, ich erlaube mir, diese Einschränkung mit dem Interesse zu machen). Darum lesen wir, darum lernen wir im Erwachsenenalter neue Sprachen, darum schauen wir uns zum tausendsten Mal ein Amphitheater im Ausland an; darum abonnieren wir Zeitungen. Und das ist auch gut so. Ansonsten würden wir verkümmern und wären schneller frustriert, als wir uns das vorstellen können. Wie wäre es, denn wir uns, wenn wir mal mit der Ausbildung fertig sind und einen Job haben, mit dem wir – zumindest im Moment – zufrieden sind, auf uns konzentrieren? Auf uns hören und auf unser Herz? Wenn wir endlich mal die Reisen machen, die wir uns bis jetzt nicht leisten konnten? Wenn wir endlich mal Goethes Faust lesen, weil wir bis jetzt keine Zeit dafür hatten? Oder keine Lust. Oder weil wir uns das Werk nicht „zugetraut“ haben. Wie wäre es, wenn wir uns auf unser Privatleben „stürzen“, endlich mal ins Theater gehen, auch wenn es ein kleines Vermögen kostet, oder die Arbeit reduzieren?

Das Pensum zu reduzieren ist sowieso ein anderer Aspekt. Darüber muss ich jetzt einfach ein paar Worte verlieren. Ich glaube, dass es auf dieser Welt so ziemlich überall – ausser vielleicht in den fortschrittlichen skandinavischen Ländern – üblich ist, ein Vollpensum zu haben. Gerade wenn man jung ist. Wieso 80% arbeiten, wenn man 100% arbeiten (und verdienen) kann? Warum braucht man einen Tag frei pro Woche? Wofür denn? Und dann die Lohneinschränkung… Völlig unverständlich in unserer Gesellschaft. Gut, ich gebe zu, dass es sehr viele Menschen gibt, die ihren Lebensunterhalt gar nicht bestreiten könnten, wenn sie sich diesen Luxus von einem reduzierten Pensum gönnen würden. Aber viele von uns könnten, wenn sie wollten. Ja, ich sage es absichtlich so. Sie wollen nicht. Warum wollen sie nicht? Freuen wir uns denn nicht über Feiertage? Oder Ferien? Doch, sicher, sagt ihr jetzt bestimmt. Eben, sage ich! Wir freuen uns, wenn Weihnahten mal so fällt, dass wir nur bis Mittwoch arbeiten müssen. Das finden wir einfach toll. Warum denn nicht das Pensum reduzieren und einen Tag in der Woche einfach mal die Seele baumeln lassen? Oder die Sachen erledigen, die sonst auf das Wochenende fallen (Wäsche machen, putzen, richtig kochen etc.)? Auch das ist Teil des Gefühls, zu versagen.

Wir glauben, dass wir permanent Gefahr laufen, zu versagen: Wenn wir das Pensum reduzieren (und einen Tag weniger auf der Arbeit präsent sind), wenn wir nicht unbedingt auf den Chefposten zielen; weil wir Angst vor der Verantwortung haben und diese auch nicht tragen wollen; wenn wir nicht unbedingt Lust auf einen MBA oder welche Weiterbildung auch immer haben usw. Aber wir versagen nicht! Wir hören damit endlich auf unser Gefühl! Wir hören auf unsere Bedürfnisse und befriedigen diese endlich! Wir versagen nicht, sondern im Gegenteil: Wir tun etwas für uns und für unsere Gesundheit!

Ich glaube, wir sollten häufiger in Kauf nehmen, dass andere von uns denken, wir hätten versagt, wenn wir uns dabei besser fühlen. Wir sollten endlich anfangen, unser Leben auch wirklich zu leben!

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