Achteinhalbstunden fünf Tage die Woche – adieu

Mal ganz ehrlich: Bin ich denn wirklich die Einzige, die es völlig bescheuert findet, dass wir 8 (lucky you!) oder 8,5 Stunden pro Tag für Arbeit verschwenden? Und das auch noch fünf Tage die Woche? Ich frage mich schon seit längerer Zeit, ob es das sein kann. Mein Gott, ich bin 30 Jahre alt und ehrlich gesagt, lebe ich genau für den einen Moment: Freitagabend! Und dann geniesse ich das Wochenende; schlafe aus, gehe ins Kino und essen; erledige die Wäsche (muss ja auch gemacht werden), putze, koche für die kommende Woche vor und das war’s dann. Und dann ist es – wie gerade jetzt – Sonntagabend und ich denke nur: Die nächsten fünf Arbeitstage stehen bevor. Was machst du am Wochenende?

Ich habe mich kürzlich dabei ertappt, wie ich freitagsmorgens immer wieder meinem besten Freund schreibe: „Guten Morgen! Endlich Freitag! Gott sei Dank!“ Ich meine, was soll das? Das kann doch nicht das Leben sein!

Als ich noch studiert habe (ach, ich sehne mich nach dieser Zeit zurück!), dachte ich, das Leben würde beginnen, wenn ich erst einmal einen festen Job hätte; wenn ich endlich genug Geld hätte, dann würde ich so richtig durchstarten im Leben. Ich vergass dabei das wertvollste Gut, das es gibt: Die Zeit! Früher, als Studentin, hatte ich davon mehr als genug; ich habe meine Verpflichtungen für das Studium immer gewissenhaft und in angemessener Zeit erledigt, habe nebenbei gearbeitet, eigentlich hatte ich ziemlich viel Geld, genug, um alleine zu wohnen und zu reisen. Und ich hatte Zeit! Ich hatte so viel Zeit, dass ich manchmal wünschte, ich könnte auch mal einen ganzen Arbeitstag irgendwo arbeiten, geschäftig tun. Tja, das wird mir leider erst jetzt bewusst.

Wir quälen uns frühmorgens aus dem Bett, arbeiten achteinhalb Stunden pro Tag, nur um dann völlig ermüdet nach Hause zu fahren, kurz ins Fitness zu gehen und dann halbtot ins Bett zu sinken. Das soll das Leben sein? Ich lehne dankend ab! Dieses Leben will ich nicht länger haben. Ich möchte ein anderes: ein freies Leben! Ich habe mich auch schon dabei ertappt, dass ich dachte: Ach, das mache ich dann, wenn ich pensioniert bin! Was??? Geht es eigentlich noch! Wir verschieben Träume um dreissig Jahre, nur um sie dann nicht mehr zu machen, weil wir entweder schon tot oder krank sind oder weil wir einfach nicht mehr den Mut haben. Nicht mit mir! Ich will glücklich sein! Ich will morgens aufwachen und mich nicht vollgepumpt mit Stresshormonen aus dem Bett jagen und aus dem Haus stressen. Ich will nicht länger alle fünfzehn Minuten auf die Uhr schauen und hoffen, dass die Zeit schnell vorbeigeht, bis ich endlich wieder nach Hause abdüsen kann. Ich will nicht immer wieder sagen müssen, wenn mich jemand einlädt: Klar, machen wir das am Wochenende? Sonst komme ich nicht früh genug ins Bett und schaffe den Arbeitstag nicht… Nein! Fertig! Ich will das per sofort nicht mehr und sage allen Achtstundenjobs den Kampf an! Ich will mich doch nicht versklaven lassen in so einem vermeintlich freien Land wie der Schweiz! Ich will meine Träume und Wünsche nicht auf später verschieben. Ich will sie genau jetzt verwirklichen!

Kürzlich habe ich einer Freundin, die total gestresst abends zum Kaffee kam, gesagt: Wieso reduzierst du nicht? Wieso arbeitest du nicht 80 Prozent? Sie war völlig ausser sich! Warum? Wissen die Menschen etwa nicht, was sie mit der freigewonnenen Zeit anfangen sollen? Oder kann es wirklich nur am Geld liegen? Klar, ich bin sicher nicht die richtige, die Genügsamkeit predigen kann. Ich stehe auch auf ein schönes Zuhause, auf Reisen, auswärts Essen, Fitnessstudio, Theater usw. Aber können wir uns denn vom Geld so versklaven lassen, dass wir unser Leben verpassen?

Bei uns in der Schweiz – das wird in den anderen deutschsprachigen Ländern nicht anders sein – ist es eben normal, achteinhalb Stunden pro Tag zu arbeiten. Es ist auch normal, fünf Tage die Woche zu arbeiten, es sei denn, man hat ein Kind oder mehrere. Meine Englischlehrerin aus dem Gymnasium fragte einmal, was eigentlich normal sei. Die Antwort war nicht, normal ist, was empfehlenswert oder ideal ist. Normal sei, erklärte sie, was mehr als die Hälfte der Menschen tun. Gut, also normal ist es, den ganzen Tag bei der Arbeit zu verbringen, vier oder fünf Wochen Ferien pro Jahr zu haben (ich weiss, dass es in anderen Teilen der Erde noch schlimmer geht!) und fünf Tage pro Woche zu arbeiten. Das ist normal. Aber wer sagt denn, dass normal gut ist? Wer sagt, dass ich mich an die Norm halten muss? Kein Mensch verbietet mir, weniger zu arbeiten. Kein Mensch verbietet mir, unbezahlten Urlaub zu nehmen. Gut, ich muss leider auch sagen, dass ich in meinem Umfeld, wenn ich so etwas sage, kritische Blicke ernte. „Warum willst du das?“, wollen sie wissen. Und ich will wissen: Warum wollt ihr das nicht?

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6 Gedanken zu “Achteinhalbstunden fünf Tage die Woche – adieu

  1. zwinkerling schreibt:

    Eben saß ich am Tisch und habe eine Kleinigkeit zu Abend gegessen. Dabei dachte mir: “ schreisse schon so spät, ich muss aber noch diese in denes tun. verdammt und vor 11 bin ich sicher nicht fertig. Aber ich wollte doch lesen und noch ein wenig zeit für mich haben“ Dann wurde ich sauer und mich nervt es einfach nur, dass es jeden Tag so ist. Um sechs Uhr klingelt der Wecker, frühestens gegen 23 Uhr bin ich mit allem fertig. Von meinen Semesterferien habe ich nichts. Und da ich mal auch zuvor Vollzeit gearbeitet habe, weiß ich dass es da nicht anders war. Daraufhin wollte ich nur kurz runter kommen und schnell mal reinschauen und lese deinen Beitrag. Danke! Du sprichst mir zumindest vom Gedanken her aus der Seele!
    Ich wünsche mir mal einen Job den ich aus Leidenschaft mache!

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    • denkperlerin schreibt:

      Liebe Zwinkerling
      Es freut mich sehr, dass ich deinen „Nerv“ treffe. Ich weiss, dass es viele Leute da draussen gibt, denen es genau so geht wie mir und dir. Klar weiss ich auch, dass es anderen Leuten nicht so geht. Es gab auch bei mir eine Zeit, in der es in Ordnung war, frühmorgens aufzustehen, den ganzen Tag unter Stress Leistung zu bringen, abends kurz Sport zu machen, zu lesen und wieder ab ins Bett. Ich glaube, dass das grundsätzlich auch möglich ist, unter der Voraussetzung, dass man den Job, den man macht, mag und – das ist vielleicht noch wichtiger -, dass die Umstände stimmen, d.h. dass das Team passt und einen ermutigt und stärkt. Bei mir ist das im Moment nicht der Fall, weshalb ich vermutlich an der ganzen Sache nage. Ich würde gerne einen Anstoss geben, die ganze Sache, die wir für normal halten, zu hinterfragen. Warum nehmen wir uns nicht die Freiheit, einen oder zwei Tage pro Woche frei zu haben? Warum arbeiten wir so viel? Und warum sind 8/8,5-Stunden-Tage normal? Warum geben wir uns mit 4-5 Ferienwochen pro Jahr zufrieden?
      Wenn ich ehrlich bin, erledige ich die Aufgaben, für die ich einen ganzen Tag Zeit habe, schon in 2-3 Stunden. Ich hätte gerne eine Arbeit, bei der ich für die Leistung und nicht für die abgesessene Zeit bezahlt werde. Ich bin offen für Ideen. Habt ihr welche?
      Mir hat mal eine Arbeitspsychologin gesagt, es sei purer Luxus, wenn man so viel Zeit zur freien Verfügung habe. Für mich ist es die reine Folter.
      Ich wünsche dir auch einen Job, den du aus Leidenschaft machst! Und den wünsche ich allen anderen und mir auch.
      Gute Nacht und einen guten Start morgen, liebe Zwinkerling!

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  2. Aleks schreibt:

    Früher ging ich jeweils mit der Bahn zur Arbeit, bis ich mir ein Auto zugelegt habe. Dieses brauche ich eben. Wie auch immer. Ich sah jeweils in die Gesichter der Leute welche deine Theorie nur zu gut bestätigen. Da brauchte es keinerlei verbale Kommunikation und ich konnte Ihren Blicken entnehmen, dass so ziemlich jeder kaum abwarten konnte am Abend so schnell wie möglich nach Hause zu flüchten. Nun bin ich teilweise einverstanden. Doch ich persönlich stehe morgens gerne auf um zur Arbeit zu gehen und dies aus dem ganz einfachen Grund weil ich meine Arbeit mag. Ich tue diesen Job gerne. Nicht genug damit ich arbeite auch am Wochenende im Sicherheitsdienst- weil, ja richtig mir der Job einfach Spass macht. Das wäre meine Einstellung zu diesem Theme, aber ich denke ja auch anders als die meisten 😉

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    • denkperlerin schreibt:

      Lieber Aleks
      Wie recht du hast mit den trostlosen Gestalten morgens im Zug! Ist das nicht traurig? Wir stehen für etwas auf, worauf wir mal mehr, mal weniger Lust haben, nur um am Ende des Monats den Lohn zu bekommen. Aber das ist mir nicht genug. Ich kann doch nicht jeden morgen denken: „Easy, du hast eine saubere Arbeit, mach sie anständig und dafür kriegst du dann den Lohn, der dir den Lebensstandard ermöglich, den du zu brauchen glaubst.“ Ich will mehr. Ich will mehr vom Leben. Nicht mehr Geld. Ich will bei Sonnenschein spazieren gehen, ich will morgens beim Kaffee am Küchentisch sitzen und mir in Ruhe überlegen, wie ich meinen Tag gestalte. Ich will all die Sachen machen, für die ich sonst nie Zeit habe. Das will ich.
      Es freut mich übrigens sehr, dass sich auch mal ein Mann zu Wort meldet.
      Dass dir deine Arbeit Freude bereitet, freut mich sehr. Und wenn du Lust hast, mehr zu arbeiten, dann mach das. Vergiss dabei aber eines nicht: Dich!
      Gute Nacht und einen guten Start morgen!

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