Sonntage oder die Sehnsucht, Fischer zu bleiben

Sonntage mochte ich eigentlich nie. Sonntagabend ist der Abend, an dem man sich mental auf die Schule oder die Arbeit vorbereitet, man packt seine Sachen, legt die Kleider für den nächsten Tag sorgfältig und farblich aufeinander abgestimmt auf den Stuhl neben das Bett, überlegt sich, was der nächste Tag für einen bereithält (meist nicht viel!) und man löst sich damit schon vom Wochenende.

Hier bei uns, in einer hübschen schweizer Stadt, sind Sonntage tot. Man begegnet kaum jemandem in der Stadt, alles ist geschlossen. Ich frage mich immer, wo die Menschen eigentlich sind. Vermutlich zuhause. Gerade zu dieser Jahreszeit – anfangs März, wo wir irgendwie noch die klirrende Kälte in den Knochen spüren und sehnsüchtig auf erste Frühlingszeichen warten.

Gerade hörte ich im Radio einen Beitrag über eine Frau, die jeden Abend um sieben Uhr die Glocke einer kleinen Kapelle betätigt. Was für ein nicht beneidenswertes Leben! Jeden Abend um sieben Uhr – nach der Arbeit (!) – eilt sie zur Kapelle, um die Glocken läuten zu lassen. Nein, ich beneide die Frau nicht. Was ich aber beneide, ist der Glaube. Ich meine jetzt nicht den Glauben an Gott, sondern generell die Ehrfurcht vor etwas Grösserem, Unnahbarem, für das es sich lohnt, sich zeitlich vereinnahmen zu lassen. Chapeau, kann ich nur sagen! Hut ab, dass sie es schafft, über Jahre hinweg jeden Abend um 19 Uhr am gleichen Ort zu sein. Mich würde das einengen. Und ich würde nach dem Sinn fragen, weshalb ich mich jeden Abend nach der Zeit richten müsste, um die Glocke zu betätigen. Aber jeder hat ja seinen Glauben.

Im Moment beschäftigt mich ohnehin die Sinnhaftigkeit der Arbeit. Wie wäre wohl ein Leben ganz ohne Arbeit? Stellt euch einmal vor, niemand müsste arbeiten, das gäbe es gar nicht. Alles, was wir hätten, wäre freiwillig – die Leute würden ihre Zeit frei einteilen und die Arbeit wäre ein endloser Spass; etwas, womit man sich etwas Gutes tun würde. Sich etwas gönnen würde, wie wir heute sagen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es einige Jobs dann nicht geben würde: zum Beispiel Versicherungsberater oder Polizisten. Ich meine, wer hat schon wirklich Lust darauf, Leute darin zu beraten, welche Privathaftpflichtversicherung welchen Nutzen hat. Und wer hat eigentlich Lust, anderen Leuten ständig zu sagen, was falsch ist? Vielleicht irre ich mich auch. Ich weiss nicht.

Gut, es geht nicht. Der Phantasieausflug würde vermutlich nicht funktionieren, ohne dass wir uns in die Homo sapiens Zeit zurückversetzen oder noch früher. Aber leider funktioniert auch die Idee des Kommunismus nicht. Denn nicht alle sind gleich. Das ist wieder eine andere Geschichte.

Zurück zur Sinnhaftigkeit. Fragt ihr euch auch manchmal: „Warum mache ich das überhaupt?“ Und ist die Antwort dann etwa: „Weil es gut ist für die Karriere, weil es mich weiterbringt; weil ich nur einige Zeit ‚unten durch’ muss, bis ich dann so richtig durchstarten kann; weil es sich in meinem Lebenslauf gut macht?“ Und fragt ihr euch dann nicht auch: Was soll der Schwachsinn eigentlich? Warum tue ich etwas für ein Papier – meinen Lebenslauf? Ich schufte monate- oder jahrelang, mache einen sinnlosen Schwachsinn, nur weil ich meinen Lebenslauf aufmotzen will? Was ist dann? Ihr kennt doch die Geschichte „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ von Heinrich Böll? Wer sie nicht kennt (die muss man kennen!), kann sie gerne hier nachlesen (https://www.gr.ch/DE/institutionen/verwaltung/ekud/ahb/mittelschulen/dienstleistungen/1_2010/AP_1G_D_text.pdf).

Um es mit anderen Worten zu sagen: Ich glaube, wir hätten viel mehr vom Leben, wenn wir beim einfachen Fischen blieben.

Guten Start in die Woche! Eure Denkperlerin

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