„Häsch mer en Stutz?“

Ich weiss nicht, warum, und ich weiss auch nicht, ob es nur mir so geht, aber ich werde immer wieder von Leuten – eigentlich von Männern – gefragt, ob ich ihnen einen „Stutz“ hätte. Für die Nicht-Dialekt-Sprechenden von euch: Ein Stutz ist ein umgangssprachliches Synonym für einen Franken. Ich werde also immer wieder von Leuten auf der Strasse um Geld angebettelt. Warum, weiss ich nicht. Gerade war ich im Kino, wo ich mir einen unglaublich eindrucksvollen Film über eine irakische Familie angeschaut habe und über deren politisch bedingte Zerstreutheit in der ganzen Welt. Der Film heisst „Iraqi Odysee“ und ist im Übrigen sehr empfehlenswert. Nun ja.

Es ist Karfreitag, christlich gesprochen ein „leidvoller“ Tag. Auf dem Heimweg also wurde ich erneut von einem Mann angesprochen. Der Mann ist vielleicht Mitte vierzig und sah wirklich schrecklich aus. Ich konnte mir den Kommentar auch nicht verkneifen und sagte: „Sie sehen schrecklich aus! Brauchen Sie medizinische Versorgung?“ Er war total durch den Wind. Energiegeladen mit entschlossenem Schritt, auf seiner Stirn Schweissperlen, seine Nase lief, was ihm nicht aufzufallen schien. Er sah aus, als sei er so „hergerichtet“ worden. Irgendwie erwartete ich ein Kamerateam, das sich hinter ihm verbarg. Es gab kein Kamerateam, der Typ war echt. Seine Wangen leuchteten rot, wie wenn er übertrieben für das Theater geschminkt worden wäre. Ich kenne mich in Sachen Drogen zwar wirklich nicht aus, aber ich würde sagen, der hatte sich gerade einen Schuss von irgendetwas gesetzt und war jetzt total engergiegeladen. Er bat mich um einen Stutz, weil er Hunger habe. Ich habe schon lange aufgehört, Leuten auf der Strasse Geld zu geben. Warum? Weil ich glaube, sie würden es für Drogen ausgeben. Klar, mag sein, dass es sinnlos ist, kein Geld zu geben, sich dann aber durch den ganzen Bahnhof von einem Drogensüchtigen verfolgen zu lassen, nur um ihm etwas zum essen und trinken zu kaufen. Das tat ich dennoch, wie ich es eigentlich immer tue, wenn ein Mensch mir sagt, er habe Hunger. Normalerweise unterhalte ich mich in dieser Zeit mit dem Menschen, aber der Typ war definitiv nicht in der Lage, ein Gespräch zu führen. Er hatte Hunger und war auf Drogen. Er suchte sich schliesslich ein Sandwitch und eine Flasche Süssgetränk aus und ich bezahlte. Währenddessen beobachtete ich die Menschen, die mit ihm in der Reihe standen. Ausnahmslos wichen sie von ihm zurück, um ihm nicht nahe zu sein. Verständlicherweise, auch ich hielt es für sinnvoll, einen gewissen Abstand zu ihm zu halten. Der Mann war total durch den Wind. Ich fragte ihn noch einmal, ob er medizinische Hilfe benötige. Er verneinte erneut. Also bezahlte ich ihm das, was er sich ausgesucht hatte, er bedankte sich höflich und unsere Wege trennten sich, während er die Verpackung des Sandwiches aufriss, um herzhaft hineinzubeissen.

Und ich? Ich blieb zurück mit einer Frage, die mich ständig beschäftigt: Warum? Warum bin ich die, die ihm etwas zu essen kauft, und warum ist er der, der drogenabhängig ist, möglicherweise keine Bleibe hat, sich mit schädlichen Stoffen zudröhnt, die ihn früher oder später töten werden; der mich anbetteln muss, weil er kein Geld hat, während ich mich freue, nach Hause zu kommen und etwas Gutes zu kochen? Darauf habe ich keine Antwort. Vermutlich ist es einfach eine Frage des Glücks beziehungsweise viele glückliche, aneinandergereihte Zufälle: Eltern, Freundeskreis, Bildung, Empathie. Vielleicht täusche ich mich aber auch. Vielleicht hatte er genauso viel Glück wie ich, vielleicht war es nur ein niederschmetternder Moment in seinem Leben, der ihn auf diesen Lebensweg gebracht hat. Vielleicht hat er etwas erlebt, womit er nicht umgehen konnte; aber tut das nicht jeder? Ich werde es wohl nie herausfinden. Es gibt mir kein Glücksgefühl, seinen Hunger und seinen Durst gestillt zu haben. Aber immerhin muss ich bei meinem Abendessen nicht denken, dass er hungrig ist. Vielleicht ist jeder von uns – als Teil der Gesellschaft – auch mitschuld am Leid der anderen; jener, die unmittelbar in unserer Nachbarschaft herumschleichen, auf der Suche nach Glück. Ich wünschte ihm frohe Ostern, er mir auch, und unsere Wege trennten sich höflich und irgendwie dankbar.

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