Lethargie – meine und deine

Ich verbrachte gerade einige Tage im Osten Europas. Traumhaft und elendig arm! Ich glaube, im Osten kommen nicht nur Orient und Okzident zusammen. Dort läuft viel mehr ab. Der Klassenunterschied (sorry für den hierzulande überholten Begriff, aber er ist passend) ist dort dermassen einschneidend, dass sich alles darauf bezieht und darauf zurückführt. Jeder Schritt wird durch soziale Ungleichheit überschattet. Die Reichen führen ein Leben auf der Überholspur. Und diese Reichen müssen nicht unbedingt richtig reich sein. Klar, es gibt auch die überaus reichen; die Business Class fliegen und nur mit dem Taxi unterwegs sind. Ist praktisch, da muss man keine Parkplätze suchen. Aber es gibt auch diese reiche Schicht – nicht die Mittelschicht, denn die ist arm –, die ein Leben führt, wie wir es hier führen. Auswärts essen, ins Kino gehen, einkaufen und – oh Luxus! –, im Supermarkt das kaufen, worauf man Lust hat. Einfach nur Lust!

Und dann gibt es die Mehrheit und die ist bettelarm. Der Lohn reicht gerade mal dafür, den Kühlschrank einmal zu füllen. Wovon die Leute den Rest des Monats leben, ist mir ein Rätsel. Vermutlich billiges Brot und Aufschnitt, von dem ich die Inhaltsstoffe lieber nicht weiss. Und dann werden sie fett, krank und – und darüber möchte ich heute schreiben – lethargisch. Keine Arbeit, keine winzige Aussicht auf Arbeit, denn dafür braucht man nicht nur einen schlauen Abschluss sondern vor allem gute Beziehungen und ein gutes Startkapital (man kauft sich sozusagen eine Arbeitsstelle). Wenn man nicht auf dieses Gut von Beziehungen (und dem nötigen Startkapital von – trotz Standard – ein paar Tausendern) zurückgreifen kann, hat man praktisch verloren. Dann sitzt man mit Mitte zwanzig mit einem Uniabschluss zuhause und fragt sich: Wofür loht es sich eigentlich, zu leben? Wie soll ich mein Leben gestalten, wenn nicht ich die Fäden in der Hand habe? Die Menschen dort sind teilweise so lethargisch, dass es mir die Haare aufstellt. Wenn ich welche auf dem Rücken hätte, dann auch dort. Ehrlich, die Lethargie anderer zu sehen ist schrecklich. Und – so bizarr es sich anhören mag – sehr motivierend, und zwar in dem Sinne, dass mir bewusst geworden ist, was wahre Lethargie heisst. Morgens nicht aufstehen können, weil man nicht weiss, wofür. Man hat kein Geld, um etwas zu unternehmen. Wozu aufstehen? Was tun? Wie dieser Misere entkommen? Bis man realisiert, und ich glaube, diese Einsicht stellt sich schnell ein, dass man völlig handlungsunfähig ist. Klar, ihr sagt jetzt: Man kann immer was tun, man muss nur wollen! Meine Worte, ehrlich! Aber stellt euch mal vor, ihr lebt an einem Ort, an dem das nicht so ist. Wir können uns hier ständig selbst verwirklichen. Auf der Maslowschen Pyramide steht die Selbstverwirklichung an oberster Stelle. Erinnert ihr euch? Erst wenn alle anderen Grundbedürfnisse wie Nahrung, Sicherheit, Wohnung etc. befriedigt worden sind, können wir uns erst dieser obersten Stufe widmen. Wenn aber alles darunter kritisch ist, rückt die Selbstverwirklichung in die Ferne. Klar haben auch diese Menschen Träume und Wünsche. Hoffentlich auch! Aber sie sind so mit dem Bestreiten der Grundbedürfnisse beschäftig, dass keine Möglichkeiten bleiben, in sich hinein zu gehorchen.

In der letzten Zeit hatte sich in mir auch eine gewisse Lethargie eingestellt. Ich war irgendwie auf der Suche nach mir selbst; nach dem, wie ich mein Leben gestalten soll und will (und kann). Ich war so mit mir selbst beschäftigt (die Grundbedürfnisse sind ja schliesslich gedeckt), dass ich ganz vergessen habe, auf welch hohem Niveau mein „Jammern“ war. Auf der „Suche nach sich selbst“ zu sein hört sich jetzt irgendwie fast esoterisch an. Aber so war das gar nicht gedacht. Ich habe mein Leben umgekrempelt, mich neu orientiert, meine Möglichkeiten ausgelotet, in mein Inneres gehorcht, um meine Wünsche zu definieren. So schwierig ist das gar nicht, wie man manchmal meint. Nur kommt damit auch eine Lethargie einher, fast schon eine Kapitulation. Ich würde gerne dieses oder jenes, aber dieses und jenes ist nicht möglich, weil… Warum nicht? Wir leben in einem Land, in dem wir alle Möglichkeiten haben. Wollen wir uns weiterbilden, tun wir es. Wollen wir weniger arbeiten, tun wir es. Nur die Sache mit der Liebe funktioniert nicht so auf Knopfdruck. Sie ist ja schliesslich nicht erwerbbar. Sonst wäre es easy. Wir leben an einem Ort in dieser Welt, an dem ich vermutlich – auch wenn ich immer wieder motze über alles Mögliche wie die Politik oder das viele Arbeiten – immer wieder gerne leben würde, könnte ich es mir aussuchen. Brauchen wir ein neues Hüftgelenk, kriegen wir es. Brauchen wir eine Psychotherapie, kriegen wir die. Egal, was wir brauchen, um glücklich zu sein und uns zu verwirklichen: Wir kriegen es! Warum sind wir eigentlich trotzdem so unglücklich? Warum wissen wir nicht das zu schätzen, was wir haben? Vor allem die vielen Möglichkeiten. Die Welt liegt uns buchstäblich zu Füssen. Wir können reisen, wir können auswandern und wieder zurückkommen. Versteht ihr, was ich meine? Wir können tun, was wir wollen – und tun es dann oftmals doch nicht. Andere beneiden uns darum und glauben, sie würden unsere Chancen sofort nutzen und wir tun es nicht. Wir verweilen lethargisch in Beziehungen – wir sind es uns ja gewohnt. Wer weiss, was uns erwarten würde, wenn wir uns trennen würden. Wir verweilen an Arbeitsstellen, obwohl uns die Arbeit keine Freude bereitet, nur weil das Geld stimmt. Oder wir lassen uns auf der Arbeit tagtäglich fertigmachen, nur weil wir glauben, nichts Besseres zu finden. Oder weil wir Angst vor Neuem haben. Ich persönlich liebe Neues! Sei es ein neues Land, das ich bereise; seien es Anlässe, an denen ich so noch nie war; neue Freunde, Bekannte, neue Impulse. Wir brauchen doch Impulse, wir müssen unser Gehirn und unser Hirn stimulieren, um weiter zu kommen. Und trotzdem tun wir es oftmals nicht, obwohl uns das Angebot zu Füssen liegt. Warum? Tun wir es! Im Ernst, tun wir es! Befreien wir uns von schädigenden Beziehungen, von Arbeitsstellen, die uns unglücklich machen, von Freunden, die uns ausnutzen, von Menschen die uns beneiden! Raus aus der Lethargie, denn es gibt überhaupt keinen Grund, in unser Gesellschaft lethargisch zu sein!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s