Bereuen tut weh

Meine Devise ist: Ich bereue nie etwas, weil ich das, was ich tue, auch wirklich will. Das ist aber keine Garantie dafür, dass man immer das Richtige will. Manchmal fühlt sich etwas so richtig an, dass man keine anderen Optionen prüft, bis man später – um einige Erfahrungen reicher – merkt, dass die vermeintlich richtige Wahl doch irgendwie falsch war. Aber wann sind Entscheidungen richtig und wann falsch? Stellt sich eine Entscheidung im Nachhinein als nicht optimal heraus, heisst es aber noch nicht, dass eine andere Entscheidung richtig gewesen wäre. Oder? Man kann eine Entscheidung treffen, die vielleicht richtig ist, und dann den weiteren Prozess in die falsche Richtung steuern. Man kann auch eine falsche Entscheidung treffen und daraus etwas Richtiges machen. Manchmal gibt es keine richtige und keine falsche Entscheidung. Oft wissen wir gar nicht, was gewesen wäre, hätten wir uns anders entschieden.

Und dann ist die Frage: Wie frei sind wir in unserem Willen? Unterlasse oder tue ich etwas wirklich, weil es meinem freien Willen entspricht? Habe ich einen freien Willen? Ich lasse die Frage offen und empfehle denjenigen, die sich dafür interessieren, folgende Lektüre: „Jenseits von Gut und Böse. Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind.“ von Michael Schmidt-Salomon. Er greift unter anderem auf Schopenhauer zurück, nach dem die Idee des freien Willens die Menschen grundlegend bestimmt, „(w)eil die Menschen aus dem Erleben von Handlungsfreiheit, nämlich der Freiheit tun zu können, was man will, auf die Existenz von Willensfreiheit schliessen, also der Freiheit, auch beliebig wollen zu können, was man will.“ (S. 117) Ich will hier keine philosophisch Diskussion anzetteln, sondern es geht mir darum, auf den Mechanismus des Bereuens zu verweisen.

Eine Krankenschwester aus Australien, die jahrelang Sterbende begleitet hat, hat ein Buch darüber geschrieben, was Menschen auf ihrem Sterbebett am häufigsten bereuen (vgl. http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Was-Sterbende-am-meisten-bereuen/story/23429977). Ich habe in einem anderen Artikel erwähnt, dass Menschen in der Regel bereuen, dass sie sich nicht mehr Zeit für dieses oder jenes genommen haben. Das kann sehr individuell sein – man hätte gerne mehr Zeit mit den Menschen verbracht, die man liebt; man wäre gerne gereist oder was auch immer. Am Ende kommt es auf eines heraus: Man bereut in der Regel, dass man etwas unterlassen hat und nicht, dass man etwas getan hat. Man kann sich nun vornehmen, im Leben Dinge zu tun und sie nicht zu unterlassen. Das Dilemma besteht aber letztendlich darin, dass wir mit jeder Entscheidung, etwas zu tun, gleichzeitig eine Entscheidung treffen, etwas Anderes zu unterlassen. Banal ausgedrückt: Entscheide ich mich dafür, ein Rhabarber-Joghurt zu essen, so entscheide ich mich gleichzeitig dagegen, das Erdbeer-Joghurt zu essen. Klar kann ich dann auch noch das Erdbeer-Joghurt essen, aber das Mango-Joghurt muss dann im Kühlschrank bleiben. In diesem Moment weiss ich dann aber nicht, wie das Mango-Joghurt geschmeckt hätte. Ich vertröste dieses auf ein anderes Mal. Aber so banal ist das Leben wahrlich nicht. Manchmal sind die Optionen, die wir haben, eine Für-und-gegen-Entscheidung. Entscheide ich mich dafür, Kinder zu haben, kann ich mich später nicht mehr dafür entscheiden, keine Kinder zu haben. Ihr versteht, was ich meine. Manche Entscheidungen, die wir treffen, sind für unser gesamtes Leben prägend. Und manchmal entscheiden wir uns, etwas nicht zu tun und auch diese Entscheidungen sind prägend – ein Leben lang. Und es kann durchaus sein, dass wir Entscheidungen treffen –, dass wir etwas tun oder unterlassen – und dies im schlimmsten Fall unser Leben lang bereuen.

Ich habe am Anfang gesagt, dass ich versuche, mein Leben so zu leben, dass ich mir immer die Frage stelle: Will ich das in diesem Moment wirklich? Dabei geht es nicht darum, ob wir überhaupt einen freien Willen oder lediglich einen freien Handlungswillen haben. Es geht darum, in dem Moment, in dem man etwas tut, sicher zu sein, dass man dies will oder diese Handlung ausführen will. Und trotzdem gibt es diese Momente, in denen ich mich frage: Warum hast du dies nicht getan? Wisst ihr, was dann häufig die Antwort ist: Wegen des Gesellschafts-Korsetts. Wir haben eine Vorstellung von der Gesellschaft; davon, was sich gehört und was nicht; davon, zu dem wir erzogen worden sind oder wie uns unser Leben geprägt hat.

Jeder weiss, was sich gehört. Aber es ist so wahnsinnig inspirierend, diese Grenze zu überschreiten. Wann habt ihr das letzte Mal etwas getan, was ihr nicht hättet tun sollen, weil es so gegen alles Mögliche widerspricht? Gegen moralische Vorstellungen, gegen Konventionen? Ich meine jetzt nicht, dass man gegen das Gesetz verstossen soll, um Himmels Willen. Ich meine die kleinen Dinge im Leben, die nicht gegen das Gesetz, aber doch gegen gesellschaftliche Konventionen verstossen. Erinnert ihr euch daran, wie adrenalinproduzierend und inspirierend das war? Erinnert ihr euch, dass ihr noch tagelang mit einem Lächeln durch die Strassen gelaufen seid, weil ihr so viele Glückshormone ausgeschüttet habt? Weil ihr was getan habt, was sich eben nicht gehört, aber was gerade deswegen so unglaublich spannend war! Ich glaube, dass Kinder diese Gabe ausgeprägt leben, wohingegen wir als Erwachsene versuchen, uns anzupassen und nicht aufzufallen. Wir wollen um jeden Preis verhindern, dass andere pikiert sind. Warum eigentlich?

Es stimmt nicht, dass ich nie etwas bereue. Ich versuche lediglich, das zu tun, was ich in dem Moment als richtig empfinde. Aber ich bereue, Dinge nicht getan zu haben, weil ich den Mut dazu nicht hatte und es nicht gesellschaftskonform gewesen wäre…

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