Willst du Kinder?

In meinem Alter, also sagen wir ab 30, wird man immer wieder gefragt, ob man Kinder wolle. Auch ich frage das andere. Ich merke immer mehr, dass das Thema in meinem Freundeskreis omnipräsent ist. Kinder – wir reden über Kinder und haben keine. 
Wir reden andauernd darüber, worin die Vor- und worin die Nachteile bestehen (darf man das Wort Kinder überhaupt in Zusammenhang mit so etwas rationalem wie Vor-/Nachteile bringen?), reden über Bekannte, die schwanger sind, gerade ein Kind bekommen haben oder öffentlich sagen, dass sie keine Kinder haben wollen. Oder dass zwar sie Kinder wollten, aber ihre Partner nicht. Ab 30 gibt es also folgende Möglichkeiten:

  • Idealfall: Du und dein Partner seid euch einig, dass ihr Kinder haben wollt oder nicht.
  • Du bist Single und willst Kinder. Oder du willst keine. Unabhängig von deinem Beziehungsstaus.
  • Du bist in einer Beziehung und willst Kinder. Dein Partner ist sich noch nicht sicher (und hält dich hin) oder will keine Kinder. Oder umgekehrt.
  • Du weisst einfach noch immer nicht, ob du Kinder willst.

Dass du Fragen nach dem Kinderwunsch und dem Kinderkriegen vermehrt ab 30 beantworten musst, ist eine Tatsache. Leute versuchen, einem das Kinderhaben schmackhaft zu machen. Oder sie versuchen, dir die Argumente gegen das Kinderkriegen verständlich darzulegen. Manchmal frage ich mich: Ist der Kinderwunsch wirklich ein freier Wunsch? Sind wir nicht vielmehr von biologischen Prozessen unseres Organismus getrieben? Und falls ja, warum funktioniert dieser Mechanismus bei manchen Leuten nicht oder funktioniert anders? Oder werden wir einfach so erzogen, dass Kinderkriegen ein Teil unserer Leben ist (schliesslich sind wir ja auch jemandes Kinder), dass das dazu gehört, dass es unsere Bestimmung und unsere Aufgabe ist, uns zu reproduzieren? Ist das Sinnieren über das Kinderkriegen eigentlich ein Luxusproblem?

In anderen Kulturen wird nicht darüber gesprochen, ob man Kinder haben möchte. Man hat Kinder, sobald man verheiratet oder in einer ernsthaften Beziehung ist. Ist unser Problem ein kulturelles? Aber Kultur ist geprägt von der Religion und das Christentum – wie wohl alle anderen monotheistischen Religionen – predigt das Kinderkriegen. Handkehrum sind wir nicht gläubig, zumindest nicht mehrheitlich. Wenn es nicht kulturell bedingt ist, wie dann?

Leute, die das Kinderkriegen bereuen (man nennt das wohl „regretting motherhood“ – von „regretting fatherhood“ habe ich bisher noch nie etwas gehört), haben verständliche Argumente. Vor allem Frauen. Die Nachteile für die Frau bestehen darin, dass man sich die Karriere abschminken kann. Zumindest für eine Weile. Für eine Weile läuft die Karriere, wenn überhaupt, auf Sparflamme. Wenn man später wieder Gas geben möchte, steigt man weiter hinten ein als Männer – egal, ob diese Männer Väter sind oder nicht. Nicht zu vergessen, dass wir auf einer viel tieferen Lohnstufe einsteigen, wenn wir nach einer längeren Mutterschaft die Arbeit wieder aufnehmen. Das ist Tatsache. Und kommt mir nicht mit Gleichberechtigung. Dies ist eine biologisch bedingte Ungleichberechtigung. Da können wir nichts daran ändern. Ausser eine Leihmutter gebärt unsere Kinder. Aber das ist in der Schweiz ohnehin verboten. Also zurück zu den Nachteilen für die Frau. Ein meiner Meinung nach ziemlich schwerwiegender Nachteil liegt in der Tatsache, dass unser Körper i.d.R. nie wieder so sein wird wie vor einer Schwangerschaft. Klar gibt es Ausnahmen. Ich kenne solche – Frauen, die vor und nach einer oder mehreren Geburten tausendmal besser aussehen als ich ohne Kinder. Gibt es. Ist aber sehr selten, wenn wir ehrlich sind. Gibt es weitere Nachteile? Ja, zum Beispiel postnatale Depressionen (sorry, falls der Begriff nicht fachlich korrekt verwendet wurde). Das wären dann so die Nachteile. Die Nachteile beschränken sich meiner Meinung nach vorwiegend also auf zwei Aspekte unseres Lebens – und zwar auf zwei sehr wesentliche! – nämlich die Karriere und den Körper. Wobei der Körper ohnehin eines Tages zerfällt bzw. mit jedem Jahr ein wenig zerfällt. Irgendwann ist der Körper ohnehin alt. Daran können wir nichts ändern. Auch Männer nicht.

Ich finde den Diskurs über „regretting motherhood“ sehr spannend. Immer mehr Frauen wagen es, zu sagen, dass sie die Mutterschaft bereuen. Aus welchen Gründen auch immer. Und die Gesellschaft ist auch immer bereiter, das zu akzeptieren (oder vielmehr die Möglichkeit anzuerkennen, dass die Mutterschaft von vornherein abgelehnt werden darf) – was ich im Übrigen eine wichtige Errungenschaft unserer Zeit finde. Artikel darüber behandeln zum Beispiel das Thema, dass nicht jede Frau als Mutter glücklich ist. Wenn man aber die Mutterschaft von vornherein ablehnt, frage ich mich: Woher wollen diese Frauen das aber wissen, wenn sie es nicht ausprobieren? Klar, es gibt kein Zurück. Aber wie kann ich sagen, dass ich keine geborene Mutter bin, wenn ich keine Kinder habe? Weil ich Kinder nicht mag? Aber eigene Kinder sind doch etwas ganz Anderes. Aber gut. Es ist gut, dass wir darüber reden, dass die Öffentlichkeit akzeptiert, dass wir als Frauen selbst entscheiden dürfen, wie wir unser Leben leben möchten und was wir mit unserem Körper anstellen möchten. Das ist ein Fortschritt. Ein letzter Nachteil ist die eingeschränkte Mobilität: Man kann nicht mehr reisen, wohin man möchte; kann nicht mehr so oft wegfliegen, muss sich immer überlegen, was mit einem Kind machbar ist.

Was sind die Vorteile der Mutterschaft? Fragt das mal eine junge Mutter! Sie wird euch anstrahlen. Mehr braucht es nicht. Klar sagen manche Mütter ehrlicherweise, wie anstrengend, wie schwierig es ist, das Leben umzukrempeln, wie mühsam dieses und jenes ist. Aber im Allgemeinen sind junge Mütter sehr glücklich. Und erschöpft. Ich glaube, man erlebt Gefühle, von denen man nicht einmal wusste, dass es sie gibt. Man erlebt etwas wirklich Besonderes und Einzigartiges, etwas, was man sonst nie erleben würde. Wobei ich mich dann auch frage: Ist Mutterschaft auch etwas Egoistisches? Man bekommt ja auch deswegen Kinder, weil MAN es sich wünscht. Man erlebt aber gleichzeitig auch Gefühle, die man nicht unbedingt erleben möchte: Angst, um das Kind; Sorgen usw. Aber eben auch Liebe. Bedingungslose Liebe. Eine normalerweise lebenslange Liebe.

Am schwierigsten finde ich es, wenn man sich einfach nicht entscheiden kann. Wenn man nicht weiss, ob man Kinder haben möchte oder nicht. Und das trotz einer intakten Partnerschaft. Und obwohl man schon mindestens zehn Jahre Zeit hatte, sich damit auseinander zu setzen. Und am aller krassesten ist es, wenn man einfach Kinder kriegt, weil es sich so gehört oder weil man eben verheiratet ist. Das ist dann keine richtige Stellungnahme. Man tut es einfach. So wie Menschen auch einfach heiraten, weil man das eben so macht und nicht, weil es ihr grösster Herzenswunsch ist. Ich kenne solche Leute und würde ihnen am liebsten sagen: Tut es nicht! Aber das ist wieder ein anderes Thema.

Über das Kinderkriegen kann man wahrlich lange philosophieren. Ich finde aber schlussendlich, dass es eine ganz persönliche Entscheidung sein muss – unabhängig vom Partner und unabhängig davon, ob dieser Kinder haben möchte oder nicht. Ich finde, wir müssen uns alle diese Fragen selbst stellen und uns fragen: Möchte ICH Mutter oder Vater werden? Möchte ich diese Verantwortung tragen, auf so viel verzichten und einen guten Menschen heranziehen, ein Kind, das sich später in dieser Welt zurechtfindet? Möchte ich einem Kind eine glückliche Kindheit schenken? Einen guten Menschen aus ihm machen? Möchte ich mein Leben mit einem Kind teilen? Ihm die Welt erklären? Ihm die Welt zeigen? Ihm die Dinge erklären? Ihn zu einem weltoffenen, toleranten Menschen heranziehen? Ihm das geben, was die eigenen Eltern vermasselt haben? Möchte ich es besser machen? Möchte ich eine lebenslange Liebesbindung mit einem Menschen eingehen, der fünfzig Prozent meiner Gene trägt? Nehme ich alles in Kauf, was es mit sich bringt? Nehme ich auch in Kauf, dass mich das Schicksal ohrfeigt – kann ich auch ein guter Elternteil sein, wenn mein Kind nicht so ist, wie ich es mir wünsche? All diese Fragen gilt es, individuell zu beantworten und daran festzuhalten. Mit oder ohne Partner.

Das wäre dann mein heutiges Wort zum Sonntag.

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3 Gedanken zu “Willst du Kinder?

  1. neutrum schreibt:

    Ja das Thema ist interessant, nicht nur für Mütter und solche die es (vielleicht) werden wollen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass man je nach „Motiv“ davon enttäuscht werden kann, was einem das Elternsein so bietet, und ja, ich kenne „regrettig moments“ gut von mir selber. Neben der Debatte um den hashtag gibt es regelmässig Berichte von Journalistinnen, die darlegen, warum sie sich für oder gegen Kinder entschieden haben. Ich beobachte etwas in meinem Umfeld, das mir bislang noch in keiner der vielen Schreibperlen begegnet ist. und vereinfacht gesagt, doch etwas damit zu tun hat, „damit man im Alter nicht einsam wird“.
    Es ist nämlich so, dass „Kinder haben“ eine grosse und ausserordendliche Anpassungsleistung ist und eine Verzichtserklärung auf viele kleine und grössere Dinge. Aber später, also so ab vierzig kehrt es um. Dann müssen sich viele Nicht-eltern organisieren und ihr Leben einrichten. Sie müssen sich stets beobachten und kontrollieren, damit sie nicht schrullig werden und Dinge schleichend komplizierter nehmen als sie wirklich sind. Sie müssen darauf achten dass sie nicht im eigenen Saft schmorren und Ausgleich finden für fehlende Reibungsfläche, die ja eine eigene Familie zu genüge bietet.
    Mit anfangs dreissig fand ich Nabelschau und nochmals Nabelschauen auch noch interessant. Ab vierzig verliert man „von Natur“ zunehmend das Interesse daran und empfindet dasselbe bei Jüngeren eher als unreif bis -je nach Exzessivitätsgrad- egoistisch. Aber Menschen dabei zusehen, die auf Fünfzig zusteuern und gefangen sind von sich selber –da wird es nur noch zwanghaft und lästig. Und in meinem Umfeld beobachte ich das gehäuft bei Nicht- eltern. Also: Willst du Kinder? Letztlich bleibt es eine Herzensangelegenheit, aber mit diversen Begleiterscheinungen…

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  2. stefanini schreibt:

    Ich glaube, diese „Regretting Motherhood“-Kampagne geht von den Frauen aus, die tatsächlich Mütter geworden sind, dies aber im nachhinein bereuen – und sich trauen, es sich und anderen einzugestehen. Sie sagen, sie lieben ihre Kinder, aber sie würden sich nicht noch einmal für das Muttersein entscheiden.
    Je älter man wird, umso schwieriger wird es vermutlich auch, seine Freiheiten aufzugeben, weil man ja jetzt mehr Zeit hatte, sich an sie zu gewöhnen. Und man hatte mehr Zeit sich Gedanken zu machen und die Vor- und Nachteile zu erörtern.
    Wichtig ist, dass man für sich klar stellt, dass man Kinder nicht aus einem Grund bekommt wie „Ich will im Alter nicht alleine sein“. Dass man sich mit seinem Kind so versteht, dass es dann für einen dauernd auf der Matte steht, ist ja auch nicht gesagt.
    Ich glaube, Mutterglück (und Väterglück) ist was wunderbares. Wenn man den kleinen Menschen in der Hand hat, der ein Teil von einem ist, ist das sicherlich ein tolles Gefühl. Wenn ich es aber in meinem Leben nicht haben werde, bedeutet das ja nicht, dass ich ein unerfüllteres Leben habe.
    Wie du schreibst: Jeder sollte es selbst entscheiden. Und keiner sollte urteilen oder versuchen, wen anders zu überreden.

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    • denkperlerin schreibt:

      Da hast du Recht. Regretting Motherhood zielt darauf ab, jenen Müttern eine Stimme zu geben, die zwar Kinder haben, sich aber nicht nochmal so entscheiden würden. Eine wichtige Errungenschaft, wie ich meine. Schwierig finde ich es lediglich, wenn diese Stimmen schwerer gewichtet werden, als jene von Müttern, die glücklich als solche sind.
      Ich finde auch, dass die Angst vor dem Alleinsein im Alter die absolut falsche Motivation ist, Kinder zu bekommen. Auch wenn ich es schrecklich finde, wenn ich alte Menschen sehe, die alleine sind. Aber das ist ein anderes Thema.
      Und ja, nach wie vor halte ich es für wichtig, dass das Kinderkriegen eine individuelle Entscheidung sein und bleiben muss. Klar ist die Entscheidung mit einem geeigneten Partner vermutlich einfacher zu treffen. Ich fürchte aber auch, dass viele Frauen dem Partner zuliebe die Mutterschaft ablehnen bzw. sich damit zufrieden geben, dass sie einen guten Partner haben und ihren Kinderwunsch unterdrücken. Ich kenne Frauen, die sagen, sie wollten keine Kinder, weil sie das so mit ihrem Partner entschieden hätten. Und wenn ich frage: Was wäre, wenn dein Partner unbedingt Kinder haben wollte? Sie sagen dann, sie könnten es sich in diesem Fall vorstellen. Das finde ich dann schwierig. Darum finde ich, dass die Elternschaft zunächst eine individuelle Entscheidung sein muss und erst dann mit einem Partner ausdiskutiert werden sollte.
      Danke für deinen Beitrag!

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