Irgendetwas fehlt immer. Oder ist zu viel.

Früher dachte ich, das Leben sei einfach. Vielleicht war es das früher auch. Man hat sich nicht so viele Gedanken gemacht. Als Studentin habe ich mal diesen, mal jenen Job gemacht und es war o.k. Von Selbstbestimmung oder Selbstverwirklichung auf der Arbeit war keine Rede. Das kam mir gar nicht in den Sinn. Wie hätte ich mich auch selbst verwirklichen sollen, wenn ich gerade ungesunde Süssgetränke am Bahnhof verteilt und damit trotzdem den Passanten eine Freude gemacht habe? Oder wie hätte ich mich glücklich und erfüllt fühlen können, als ich den ganzen Tag ohne Tageslicht in einem Elektronikmarkt verbrachte und Drucker verkaufte, während mich die potentiellen Käufer mit Fragen löcherten, die ich in keiner Weise – weder kompetent noch inkompetent – beantworten konnte? Oder wenn sie mal das Bedürfnis hatten, sich bei jemandem (zum Beispiel bei mir) auszukotzen, weil ihr Antrag, eine unnötige Neuanschaffung auf Kredit zu „kaufen“, abgelehnt wurde. Oder weil sie mit ihrer Thai-Frau gerade nichts Besseres zu tun wussten, als den ganzen sonnigen Tag in einem fensterlosen Laden zu verbringen. Oder, oder, oder. Nein, früher war das einfach: Arbeit war das, was man tat, um einen Geldbetrag auf das Konto überwiesen zu bekommen. Punkt aus. So einfach war das.

Früher machte man sich auch nicht so viele Gedanken über die Partnerschaft. Man verliebte sich ziemlich schnell und führte dann etwas, was man damals als Partnerschaft bezeichnete. Die Ansprüche an den Partner und die Beziehung stiegen erst mit der Zeit, sodass man sich eben trennte, wenn es gerade nicht so rund lief oder nicht passte. Ganz einfach: Man wechselte den anderen aus oder schickte ihn auf die Ersatzbank, ohne den Ersatzspieler ins Spiel zu lassen. Punkt aus. Man machte das einfach, weil es gerade so passte oder weil der andere gerade nicht so passte. Wenn die Werte und Zukunftsvorstellungen nicht so übereinstimmten, führte man manchmal die Beziehung auch weiter, weil man eben jung war und nichts zu verlieren hatte. Das war irgendwie egal. Hauptsache man hatte Spass. So einfach war das.

Heute fehlt immer irgendetwas. Oder etwas ist zu viel. Ich sehe es nicht nur bei mir, sondern auch in meinem Bekanntenkreis. Stimmt die Partnerschaft, stimmt etwas Anderes nicht. Entweder hat man keine Arbeit oder die Arbeit nervt einen. Man kann sich natürlich mit allem arrangieren, aber ist es das, was wir wollen? Natürlich nicht! Die Y-Generation ist damit aufgewachsen, dass ihr die Welt zu Füssen liegt. Die Y-Generation kann alles haben und will bloss keine Verantwortung übernehmen. Den Fünfer und das Weggli, wie wir sagen. Aber den Preis bezahlen, das wollen wir nicht. Auf gar keinen Fall. Wir wollen das perfekte Leben. Wir sind geradezu davon getrieben. Wir müssen immer alles geniessen, jede freie Sekunde sinnvoll einsetzen, um den Ertrag möglichst hoch zu halten. Einschränkungen kennen wir nicht. Wollen wir nicht kennen. Wir streben ständig nach Erfüllung eines vermeintlich perfekten Lebens und verpassen das echte Leben – nämlich jenes, wo immer etwas fehlt oder zu viel ist.

Vielleicht denkt ihr jetzt, ich sei eine hoffnungslose Pessimistin. Nein, das bin ich nicht. Ich bin auch nicht gerade eine Parade-Realistin. Ich bin eine hoffnungslose Optimistin. Ich glaube an das Gute und an das Gute im Menschen, und das, obwohl ich die letzten Jahre einer Arbeit nachging, die fast ausschliesslich daraus bestand, ständig angelogen zu werden. Man arrangiert sich damit. Am Anfang ist es vielleicht etwas schräg, aber mit der Zeit ist es eben part of the game. Der Mensch gewöhnt sich an alles. Geholfen hat mir dabei meine Empathie. Ich glaube, dass Empathie eine unserer wichtigsten Qualitäten ist. Ohne Empathie ist das Leben ohnehin nur schwer zu ertragen. Mit Empathie ist es viel einfacher. Empathie für einen anderen – auch Fremden – empfinden zu können, halte ich wahrlich für eine der wichtigsten Tugenden des Menschen.

Manchmal nervt es mich, diesem perfekten Leben ständig nachrennen zu müssen. Es muss ja immer alles toll sein: Die Arbeit, die Partnerschaft, oder wenn keine vorhanden, so muss man so tun, als sei es gerade die totale Erfüllung, ohne Partner zu sein (nicht, dass es das manchmal nicht wäre!). Wir spielen uns selbst etwas vor, um es erträglicher zu machen. Besser wäre es, sich mit dem einen oder anderen zu arrangieren, was gerade nicht so passt. Nicht, dass man aufgeben sollte – auf gar keinen Fall. Aber man sollte eben langsam einfach verstehen, dass nicht immer alles so ist, wie man es sich das vorstellen will. Das ist auch in Ordnung, denn auch das ist part of the game. Und macht es nicht gerade das so spannend? Mal ehrlich, wäre alles wirklich perfekt, wäre es dann noch spannend oder eine Herausforderung?

Viele Menschen streben nach Reichtum. Und wenn sie eines Tages reich sind, glaubt ihr, dann sind sie glücklich? Ich glaube nicht. Denn eigentlich sind wir hier alle reich. Klar sind manche reicher. Aber das spielt doch keine Rolle. Im Vergleich zu anderen Teilen der Erde sind wir unglaublich reich: Wir müssen nie darüber nachdenken, ob wir gerade in den Supermarkt gehen können, ob wir uns das leisten können. Wir können mal eine, mal eine andere Reise machen. Ohne gross zu kalkulieren oder uns einzuschränken. Also sind wir alle reich. Und doch sind die meisten von uns unglücklich. Wie traurig! Immer fehlt irgendetwas oder etwas ist zu viel.

Das Leben besteht nun mal in einem ständigen Auf und Ab. Manchmal passt gerade alles, manchmal nicht. Und wenn es mal nicht so passt, ist es in der Regel auch keine Tragödie. Meistens können wir nämlich etwas tun, um es zu verändern. Wir sind die Schmiede unseres eigenen Glückes. Wir haben so viel in der Hand – das ist das Credo der Y-Generation. Wir sind so aufgewachsen, dass wir alles erreichen können. Und wir können das auch! Wir leben in einem Land, in dem so viel möglich ist.

Was mich aber oft nervt, ist dieses Credo: Man muss halt auch mal unten durch. Das geht mir echt auf die Nerven. Wir glauben, dass wir manchmal einiges aushalten müssen. Eine Garantie, dass es nachher besser wird, haben wir nie. Also wieso aushalten? Ich finde nicht, dass wir manchmal über längere Zeit etwas aushalten müssen. Was wir tun müssen, ist eine Änderung hervorrufen. Denn wir sind selbst für unser Glück verantwortlich. Wir können etwas tun, wir können etwas verändern. Wir müssen es eben tun. Oft sind die Menschen lethargisch und verharren in ihrem Unglück. Selbst Schuld. Ich war auch schon so, das streite ich gar nicht ab. Aber irgendwann reisst eben der Faden und dann ist es oft zu spät, um die Dinge in angenehmer Weise zu verändern. Dann schlittert man in eine Krise rein. Eine Katastrophe: Wir halten aus, bis wir eben nicht mehr können. Schön wäre es, wenn wir uns hie und da Gedanken über unser Leben machen würden und das, was fehlt oder zu viel ist, einfach ändern. So einfach ist es. Wir sind eben wirklich die Schmiede unseres eigenen Glücks. Und es ist manchmal auch in Ordnung, wenn man nicht ganz so überglücklich ist mit dem, was gerade ist. Das ist in Ordnung.

Oft fehlt eben etwas. Oder ist zu viel. So ist das Leben.

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