Neuanfänge und warum wir sie immer wieder brauchen

Dieser Sommer wird sich in meine Erinnerung als (in gewisser Hinsicht) Neuanfang einprägen. Vermutlich wird der Sommer 2015 als wichtiger Lebensabschnittswechsel haften bleiben – so wie die Matura im Sommer 2005 usw. Junge Menschen, damit meine ich jetzt junge Erwachsene oder noch nicht ganz erwachsene Junge, sehen einem Neuanfang zwar positiv entgegen, sind aber von Angst gekennzeichnet. Was bringt der neue Abschnitt mit sich? Was wird von mir erwartet, was kann ich leisten und was nicht? Bin ich fähig, die von mir und von meinem Umfeld gestellten Erwartungen zufriedenstellend zu erfüllen? Was, wenn nicht?

Für mich gilt das irgendwie nicht. Ich weiss jetzt auch nicht, ob mir das Sorgen bereiten sollte oder ob es eine Frage des Alters ist. Oder eine Frage der Erfahrung. Woran liegt es, dass uns Neuanfänge und Kurswechsel nicht mehr unter Stress setzen? Liegt es daran, dass man schon tausend Dinge gemacht, tausend Dinge angefangen und mit der Hälfte wieder aufgehört hat? Liegt es daran, dass man sich im Klaren darüber ist, dass nichts für immer ist? Dass wir jederzeit einen neuen Kurswechsel, einen nächsten Neuanfang starten können? Dass wir beliebig neu starten und umkehren können, dass wir auch zurückkehren können? Und warum ist uns das bewusst? Mal ehrlich, jeder Neuanfang hat seinen Reiz und ist spannend, ist aufregend. Das legt sich mit der Zeit, das ist klar. Oder sind wir getrieben von Neuanfängen, weil wir gewissermassen süchtig sind nach neuen Impulsen? Apropos neue Impulse: Wenn wir nicht ständig neue Reize und Impulse bräuchten, warum würden wir dann immer wieder etwas Unbekanntes machen? An neue Orte reisen (immer ein Stückchen verrückter, wenn möglich), neue Bücher lesen, uns unbekannten Genres hingeben, neugierig sein, ausreizen und austesten wollen. Es muss immer etwas Neues sein.

Ich glaube, wenn für meine Generation etwas gilt, dann, dass wir schnell gelangweilt sind. Seien wir doch ehrlich, sind routinierte Strukturen nicht eine Horrorvorstellung? Darum lassen wir uns ja auch nicht in Schemata drängen. Darum belächeln wir die Werbung aus den 50er und den frühen 60er Jahren, in denen die Hausfrau brav mit Schürze just in dem Moment den Braten aus dem Ofen hievt, in dem ihr scheinbar ebenfalls braver, arbeitender Ehemann, der bread winner, nach Hause kommt. Sie lächelt ihn an, streckt ihm voller Stolz den saftigen Braten entgegen, in den sie mindestens drei Stunden investiert hat, und beide sind superglücklich. Ja, ich muss sogar alleine aufgrund dieser Vorstellung schmunzeln. Ich habe die Werbung genau im Kopf. Ihr auch?

Alles, was nach einem Schema läuft, alles, was „man eben so macht“ ist uns irgendwie zuwider. Na ja, nicht alles. Auch Frau muss heutzutage arbeiten, um die Bio-Brötchen in der Bäckerei um die Ecke bezahlen zu können. Aber sonst stellen wir ja alles Mögliche in Frage. Wir sehen uns Sendungen an, in denen Mittedreissiger als glückliche Familie dargestellt werden und wisst ihr, was ich denke? Oh mein Gott, seht ihr alt aus! Aber das alleine ist es nicht. Wer von uns will denn schon den Braten aus dem Ofen nehmen, wenn der Ehemann nach Hause kommt? Wer hat schon Lust darauf, den ganzen Tag die Wohnung sauber zu halten? Könnt ihr euch überhaupt vorstellen, alle Einkäufe mit der Bankkarte des Partners zu tätigen? Unmöglich, oder? Irgendwie mittlerweile total absurd – absurd für meine Generation.

Neuanfänge und Kurswechsel setzen uns eben nicht unter Stress, sondern schütten viel eher Adrenalin und Glückshormone aus. Endlich etwas Neues machen! Wie toll! Ob wir an einem Defizit leiden, dass wir uns nicht entscheiden können? Dass wir unbeständig sind? Dass wir keine klare Linie mehr verfolgen können, sondern immer herumhüpfen, immer auf der Suche nach der totalen Selbstverwirklichung? Ich will das gar nicht werten. Wir sind nun mal nicht die Generation unserer Eltern, die dreissig oder vierzig Jahre am gleichen Ort arbeitet. Wenn mir heute jemand sagt, er/sie arbeite schon seit fünfzehn Jahren am gleichen Ort, dann bin ich völlig überrascht. So erstaunt, als sei das praktisch gar nicht möglich. Das denke ich auch: Wie geht das? Wie kann man fünfzehn Jahre lang das Gleiche machen? Wie geht das? Ich weiss es nicht und ich wünsche mir noch nicht einmal, das zu wissen. Nein, das wünsche ich mir wirklich nicht. Ich brauche neue Impulse, neue Reize, ich will Neues lernen, ich lechze nach Synapsen. Wie werden wohl unsere Kinder sein, wenn wir schon so anders sind als unsere Eltern?

Vielleicht sind Neuanfänge und Kurswechsel auch nur einfach eine Möglichkeit, uns ein Stück näher zu kommen, uns zu suchen, zu finden, um letztendlich zu merken, dass es wieder etwas Neues sein soll…

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