Über die unrealistischen Erwartungen von Eltern

Eltern setzen Kinder in die Welt, damit diese ihre Erwartungen erfüllen. Oder im Extremfall, damit diese das erreichen, was die Eltern selbst nicht erreicht haben. Das sind die einen Eltern. Dann gibt es die anderen Eltern, die nicht viel von ihrem Nachwuchs erwarten; die einfach froh sind, wenn die Sprösslinge so schnell wie möglich auf eigenen Beinen stehen und sich selbständig machen, also die vier Wände verlassen, um den Eltern nicht mehr auf der Tasche zu liegen. (Ähm, sorry, wofür kriegen solche Eltern dann überhaupt Kinder?)

Ich weiss gar nicht, was schlimmer ist: Eltern, die zu hohe Erwartungen an die Kinder stellen, die diese praktisch nicht erfüllen können oder jene Eltern, die ihre Kinder nicht fördern und auch nichts aus ihnen herausholen wollen.

Meine Eltern gehören zur ersten Kategorie. Aber irgendwie noch ziemlich normal: Man hat von mir erwartet, dass ich an die Uni gehe, aber sie haben so ziemlich jeden Studiengang akzeptiert. Klar wäre es ihnen recht gewesen, wenn ich etwas Vernünftiges studiert hätte. Das wäre aus jetziger Sicht auch nicht verkehrt gewesen. Ich habe mich aber für ein unvernünftiges geisteswissenschaftliches Studium entschieden und schlage mich nun mal besser, mal schlechter durch. Das ist wohl das Los der Freidenker. Ist übrigens auch schön, wenn man nicht, wie so oft nach einem vernünftigen Studium, in einem Beruf festsitzt und nicht mehr über den Tellerrand hinaussieht oder den Beruf nicht einfach wechseln kann, weil man eben zwar Arzt ist, aber eigentlich auch gar keine Lust mehr auf Krankheiten hat.

Die etwas extremere Variante sind die Eltern, die von ihren Sprösslingen etwas Unmögliches erwarten. Wenn Ärzte beispielsweise erwarten, dass auch ihre Kinder Ärzte werden. Oft geschieht das ja auch und ist keine grosse Sache, manchmal aber ist es unmöglich. Dann bestehen die Kinder mit Ach und Krach die Matura, nachdem sie in der normalen Schule rausgeflogen und mehrere, teure Privatschulen besucht haben nach sechs oder sieben Jahren. Dann murksen sie noch zwei, drei Jahre an der Passerelle herum, bis sie endlich reif sind für die Uni. Und dann bestehen sie zwei, drei Mal den Numerus Clausus nicht, um dann irgendwo im Ausland an einer privaten Medizinuni zu landen, wo man so einiges für Geld kriegt.

Oder die Kinder machen eine Ausbildung, die die Erwartungen der Eltern in keiner Weise erfüllt, um sich dann danach von den Eltern in verschiedene Weiterbildungen „prügeln“ zu lassen. Man muss ja schliesslich etwas erreichen im Leben. Mit anderen Worten: Auf den Zahltag kommt es darauf an. Und dieser soll schliesslich möglichst dem Lebensstandard, den diese Kinder gewöhnt sind, nahe kommen. Diese Kinder werden die Erwartungen der Eltern niemals erfüllen und werden immer das Gefühl haben, von ihren Eltern nicht geliebt zu werden, ihnen nicht zu genügen.

Eigentlich furchtbar, wenn man bedenkt, dass Kinder per se, also ohne etwas zu tun, geliebt werden sollten. Kinder müssten bedingungslos geliebt werden und nicht erst, weil sie diesen oder jenen Titel errungen haben.

Und dann das andere Extrem: Fähige Kinder, die in eine anspruchslose Ausbildung platziert werden, damit sie so schnell wie möglich nichts mehr kosten. Kinder, die gerne lernen und sich bilden wollen, die dazu fähig sind, aber nicht unterstützt und gefördert werden. Sie schliessen ihre Ausbildung mit Bravur ab und rackern sich dann Schritt für Schritt durch mühsame Abendschulen, um ihre geistige Nahrung häppchenweise zu konsumieren. Wie traurig.

Wieso tun sich Eltern so schwer damit, die Fähigkeiten ihrer Kinder objektiv einzuschätzen? Kinder sind doch kein Auto, das man so tunen kann, wie man will. Kinder brauchen die Unterstützung der Eltern. Punkt.

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2 Gedanken zu “Über die unrealistischen Erwartungen von Eltern

  1. denkperlerin schreibt:

    Hallo Jim
    Vielen Dank für deinen Kommentar. Ich sehe das genauso: Kinder brauchen ein gesundes Mass an Förderung vorhandener Talente und es braucht die Einsicht der Eltern, dass die Kinder eben nicht dazu da sind, die Träume der Eltern zu verwirklichen, sondern, um selbständig Teil der Gesellschaft zu werden, und zwar so, wie sie das möchten.
    Liebe Grüsse und danke für’s Folgen! Denkperlerin

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  2. Jim Kopf schreibt:

    Wie Recht du hast. Kinder brauchen Unterstützung, aber ein gutes Maß an Unterstützung und nicht die Erwartungshaltung, dass selbst-nicht erreichtes vom eigenen Kind realisiert werden soll. Mein Dad zum Beispiel wollte immer dass ich ein erfolgreicher Fußballspieler werde und hat jahrelang nicht gemerkt, wie unglücklich ich bei meinem Verein war, den ich allerdings nicht verlassen durfte weil damit die Chance auf ein Minimum sinken würde… das ging erst, als ich alt genug für meine eigenen Entscheidungen war. Potenziale fördern, ja, aber nicht mit einer Blindheit für das Wohlbefinden des eigenen Sprösslings.
    LG Jim

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