Und plötzlich sind wir alle links! Flüchtlinge, willkommen!

Sag mal, gehen euch die Medien eigentlich auch auf die Nerven? Ich kann es nicht mehr lesen und nicht mehr hören: Flüchtlinge hier, Flüchtlinge dort! Und überhaupt: So viel Solidarität! Noch mehr als die Medien nervt mich eigentlich nur eins: Die Bevölkerung! Ach, ich bin jetzt so sozial und spende! Und ich bin noch solidarischer und erkläre der schwarzen Frau in der Migros den Unterschied der x Ice Tea Sorten. Und ich setze mich im Bus extra neben einen Schwarzen. Und dann der Junge, der in Bodrum angeschwemmt wurde. Ja, darüber rede ich, weil es mich ECHT BESCHÄFTIG! Und ich habe jetzt der Glückskette ein kleines Vermögen gespendet und mache auch noch beim Solidaritätslauf mit und spende pro Kilometer stolze 50 Rappen! Ja, und ich wechsle die Strassenseite, wo das Asylzentrum steht, nicht, weil ich ein Zeichen setzen will! Und ich belästige mein freiwilliges und unfreiwilliges Umfeld mit meiner Alltagssolidarität!  

SAG MAL, SEID IHR EIGENTLICH BESCHEUERT??? Wir schreiben September 2015 und jetzt merkt ihr erst, dass Menschen auf der Flucht sind??? Wie ist das möglich? Arabischer Frühling 2011: spurlos an euch vorbeigegangen. Die ersten Unruhen kurz darauf in Syrien: spurlos an euch vorbeigegangen. Lebenslanges Militär in Eritrea: (wo liegt überhaupt Eritrea, verdammt?) spurlos an euch vorbeigegangen. Und davor: Tibeter, Tamilen (das sind die aus Sri Lanka), Jugoslawen, Armenier (1915 Genozid mit 1,5 Millionen Toten), Tschechoslowaken, Ungarn, Juden usw. Alles spurlos an euch vorbeigegangen?

Dieses Phänomen interessiert mich wirklich und ehrlich: Wie ist es möglich, dass die Menschen erst jetzt über Flüchtlinge reden? Jeder redet über Flüchtlinge! So schrecklich, ach ja, so furchtbar. Und was mich ehrlich beklemmt, ist die Tatsache, dass die Menschen gerade kein besseres Thema haben als Flüchtlinge. Also reden wir halt über Flüchtlinge – ist ja so viel einfacher über die Misere anderer zu sprechen als über den eigenen Frust. Dass es schon immer Flüchtlinge gab (leider), vergessen die Menschen. Und wer macht sich eigentlich die Mühe, auf Google Maps mal Eritrea einzugeben? Oder nachzulesen, wo Tibet eigentlich liegt, in welchem Land? Oder über die Tamil Tigers etwas nachzulesen? Wer weiss denn, dass die Tamilen in ihrem Land (Sri Lanka) eine kleine Minderheit darstellen? Oder was sind Jeziden?

Es macht mich einerseits stinkwütend, dass die Menschen erst jetzt realisieren, dass mehrere Millionen anderer Menschen aus Fleisch und Blut auf der Flucht sind. Es macht mich aber auch elend traurig, dass erst jetzt Solidarität aufkommt. Aber diese Solidarität wird, so schnell sie aufgekommen ist, so schnell im Keim erstickt werden (danke, Politik!). Echte Menschlichkeit kommt nie plötzlich und nie ohne andere Menschen. Ich kann nicht menschlich sein, wenn ich nicht weiss, was diese Menschen durchmachen, was sie beschäftigt und was ihnen Angst einjagt. Und woher sie kommen. Ihr wollt menschlich sein? Dann redet doch mal mit dem Eritreer, der an der Bushaltestelle wartet. Fragt ihn mal, was er durchgemacht hat, wie das Militär so war. REDET MIT DEN MENSCHEN! Heute hat mir ein Armenier erklärt, wie schwierig es für ihn gewesen sei, dass plötzlich seine damaligen Schulkameraden die Waffe auf ihn richteten und ihm sagten, er sei schmutzig. Das habe ich  mir vorher natürlich nie überlegt, aber jetzt habe ich an der Oberfläche gekratzt. Redet mit den Menschen! Und ihr werdet eines feststellen: Sie sind so wie wir – nur kamen sie im falschen Land zur falschen Zeit zur Welt und mussten ihr Leben selbst in die Hand nehmen (was wir oft nicht tun). Wir können so viel von ihnen lernen! Lächelt sie an und sie werden zurücklächeln!

(Quelle Beitragsbild: http://www.dw.com/de/der-tote-junge-am-strand-pietätloses-foto-oder-ikone-der-krise/a-18691219)

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Ein Gedanke zu “Und plötzlich sind wir alle links! Flüchtlinge, willkommen!

  1. elissarraqs schreibt:

    Das sind ganz genau meine Gedanken. Plötzlich ist es „schick“, Solidarität mit Flüchtlingen zu zeigen, obwohl das Problem schon so viel länger besteht! Aber dieser böse gesagt Modetrend flacht in spätestens zwei Monaten auch wieder ab, dann redet keiner mehr über die Flüchtlinge, aber damit verschwinden sie halt leider nicht. Finde es schon fast peinlich.

    Gefällt 1 Person

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