„Nichts gegen Ausländer, aber…“

Lustig, wofür man alles „missbraucht“ wird. Wenn gerade niemand sonst da ist, muss ich für so ziemlich alles hinhalten, ein Musterbeispiel sein oder einfach nur ein Zuhörmülleimer. So geschehen heute in einer typisch-untypischen Konversation:

  • Nichts gegen dich, aber weisst du, aber ich halte Frühfranzösisch für sinnlos.
  • Aha.
  • Na ja, verstehst du? Ich meine, wenn die Hälfte der Kinder in der Klasse meines Sohnes Ausländer ist, dann lernt keiner was in der Klasse.
  • (Ich hebe verwundert die Augenbrauen, da ich frühe Sprachförderung für sinnvoll halte, weil ich selbst zweisprachig aufgewachsen bin und diese Tatsache für wesentlich dafür halte, dass ich sprachlich mühelos hin und her switchen kann – fragt mich nur keiner danach.)
  • Was lernen die Kinder im Frühfranzösisch, wenn die Hälfte der Klasse aus Ausländern besteht?
  • (Ich hebe die Augenbrauen wieder, ich verstehe die Pointe nicht.)
  • Nichts! Sie lernen nichts. Also versteh mich nicht falsch, ich habe nichts gegen Ausländer…
  • (Wieso sagt er mir das ständig? Bin ich jetzt Platzhalterin für Ausländer?)
  • Das ist eben so eine Ausländerfrage…
  • Nein, ich halte das für eine Bildungsfrage. Das Milieu ist ausschlaggebend.
  • Ja, schon, aber als ich damals zur Schule ging, da hatten wir kein Frühfranzösisch, sondern…
  • (Sondern was, frage ich mich. Und jetzt? Was interessiert mich das? Ich weiss ja nicht mal, wie du Französisch sprichst, es interessiert mich auch nicht.)
  • …wir hatten erst in der Oberstufe Französisch. Aber wir hatten keine Ausländer in der Klasse.
  • (Und jetzt? Worauf zielt dieses Gespräch ab?)
  • Jedenfalls habe ich Französisch gelernt.
  • (Aha, in den drei Jahren Oberstufe hast du Französisch gelernt? WEIL es keine Ausländer in der Klasse hatte?)
  • Wirklich, nichts gegen Ausländer, aber Frühfranzösisch bringt doch nichts, wenn die Hälfte in der Klasse Ausländer ist.
  • Ich verstehe nicht. Sind Ausländer nicht in der Lage, Französisch zu lernen?
  • Nein, das meine ich nicht, so meine ich das wirklich nicht. Es ist nur, dass das alles nichts bringt… Ich bin damals in die Romandie gegangen und habe mein Französisch aufpoliert.
  • Meinst du, es hätte dir geschadet, wenn du früher Französisch gelernt hättest? Ich halte es für sinnvoll, wenn Schüler früh in Kontakt mit anderen Sprachen kommen, das sensibilisiert sie nicht nur für andere Sprachen, sondern vor allem auch für andere Denkweisen. Sprachen sind nicht nur per se verschieden, sondern sie ermöglichen uns auch einen weiteren Zugang zu einer anderen Welt. Sprache eröffnet Welten – Denkwelten, Welten zu verschiedenen Werten, Kulturen. (Wir kommen nicht weiter, weil ich befürchte, dass dieses Gespräch auf Ausländer abzielt und deren „Unvermögen“, irgendetwas zu lernen – das überfordert mich. Diese Konversation ist so blöd und nervig, dass ich gar nicht weiss, wie ich einen diplomatischen Schluss finden soll. Ausserdem befremdet es mich, dass wir ständig über „Ausländer“ sprechen, obwohl diese „Ausländer“ Kinder sind – sie werden also nicht ausländischstämmige Kinder genannt oder so, sondern einfach nur „Ausländer“. Zudem frage ich mich, ob Kinder über Staatsangehörigkeiten sprechen – woher wissen die Kinder dieses besorgten Elternteils eigentlich, welche Staatsangehörigkeit ihre Schulfreunde haben?) So, ich muss jetzt weiter. (Es macht mich traurig, dass Menschen so denken.)

(Quelle Bild: http://www.nitestar.de/respekt-toleranz-gegenueber-deutschen-auslaendern_d_42932.html)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s