Heute mal eine ungewöhnliche (und periphere) Frage: Verliert man als Scheidungsanwalt eigentlich den Glauben an die Liebe?

Zugegeben: Ich weiss zwar nicht genau, was so ein Scheidungsanwalt alles machen muss, bis es zur Hauptverhandlung kommt. Aber ich weiss mittlerweile ziemlich genau, was an einer Scheidungsverhandlung beim Gericht passiert.In der Regel bezichtigen sich die Scheidungswilligen dieser und jener Sache, sie begrüssen sich nicht und verabschieden sich auch nicht, wollen aber irgendwie gemeinsam für die Kinder sorgen (also eigentlich wollen die Frauen da eine hegemoniale Stellung erhaschen, aber dies ist, wenn ich das richtig verstanden habe, nicht mehr üblich, da die Väter heutzutage richtig in die Verantwortung genommen und ihnen auch Rechte zugesprochen werden), manchmal fliessen hier und da Tränen und die Anwälte schauen (inklusive RichterIn) nach vier Stunden genervt auf die Uhr, tippen kurz etwas in ihr Smartphone rein (ob sie sich gerade bei der Partnerin vom gemeinsamen Essen auswärts abmelden, weil die Arbeit wieder mal vorgeht?) und lassen – zu diesem Zeitpunkt vermutlich etwas beruhigt – den Richter seines Amtes walten, hoffen womöglich, dass man bald zu einer Einigung kommt, damit sie dann doch noch schnell ins Fitness verschwinden können, bevor es Zeit wird, zu Bett zu gehen, um am nächsten Tag wieder die gleiche Leier abzuziehen.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich habe grossen Respekt vor diesen Leuten (also vor den Anwälten und auch vor den Richtern). Ich könnte mich nicht tagein tagaus mit Scheidungswilligen, desillusionierten Menschen beschäftigen. Und ich schaue die Anwälte an und frage mich: Kann man bei diesem Job eigentlich ernsthaft noch an die Liebe glauben? Nach einigen Scheidungsverfahren, bei denen ich zugegen war, muss ich sagen: Mir schwindet die Hoffnung. Ganz ehrlich: Scheidungsrate bei 50% und diese 50% dann noch begleiten zu müssen, ihnen zuzuhören, wie sie sich mittlerweile schon gewissermassen die Augen auskratzen könnten – das würde mir wirklich jeden Funken Hoffnung erlöschen.

Die Antwort auf die Frage ist vermutlich: Ja. Und sollte die Antwort Nein sein, so können sie eines besser als vermutlich alle anderen Menschen: Die Arbeit vom Privatleben trennen! Hut ab vor dieser Arbeit! Möge man niemals in dieser bedrückenden Situation feststecken.

(Quelle Bild: http://www.srf.ch/sendungen/club/scheiden-besser-meiden)

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5 Gedanken zu “Heute mal eine ungewöhnliche (und periphere) Frage: Verliert man als Scheidungsanwalt eigentlich den Glauben an die Liebe?

  1. herzgeschreibsel schreibt:

    Ja, man kann noch an die Liebe glauben!! So wie dargestellt ist es glücklicherweise nicht oft. Häufig ist man sich einig und behandelt einander mit dem nötigen Respekt. Es gibt so viele Ehen, die nicht geschieden werden. Im Berufsalltag sieht man ja logischerweise nur diejenigen, die scheiterten. Es ist vergleichbar mit dem Job eines Arztes. Während der Arbeit hast du es ausschließlich mit kranken Menschen zu tun. Dabei gibt es zahlreiche Gesunde. Natürlich glaubst du dann nicht, dass alle krank sind oder werden. Man wird einfach etwas sensibler. Vorausschauender. Aber Glaube liegt im Herzen und nicht im Gerichtssaal.

    Lieben Gruß

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  2. stefanini schreibt:

    Ich kannte mal eine Standesbeamtin, die über ihren Beruf sagte: „Gleich gehe ich wieder Menschen ins Unglück stürzen.“ – Das schien mir für eine Vertreterin ihres Berufes doch die falsche Einstellung zu sein …

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