Um Syrien weinen…

Im Herbst 2013 verweilte ich einige Zeit in Amman, der Hauptstadt Jordaniens. Amman liegt knapp 100 km von der syrischen Grenze im Norden entfernt. Damals schon war der Krieg in vollem Gange – das ist nun zwei Jahre her. Die Flüchtlingscamps in Jordanien waren damals schon hoffnungslos überfüllt. Ich hätte mir gerne so ein Camp angeschaut, aber ohne Bewilligung kommt man dort nicht rein. Was hätte ich auch anschauen wollen? Die syrischen Flüchtlinge wie Tiere im Zoo bestaunen? Oder in verständnislose Kinderaugen schauen? Ich ging also nicht.

Da, wo ich zu der Zeit wohnte, lernte ich eine junge Frau kennen, etwas jünger als ich. Sie erzählte mir, dass ihre Familie aus Aleppo stamme, einer damals schon hart umkämpften syrischen Stadt. Nachdem diesen Sommer dort die heftigsten Auseinandersetzungen überhaupt stattfanden, wurde u.a. eine mittelalterliche Burg (UNESCO-Weltkulturerbe) zerstört. Aber damals schon, im Herbst 2013, war die Stadt schon eine Geisterstadt. Es blieben nur die wenigsten Einwohner. Wer fliehen konnte, floh. Ich wohnte also in einem Studentenheim und lernte dort diese junge Frau aus Aleppo kennen.

Ich habe keinerlei Verbindungen zu Syrien, ich war nie dort gewesen und hatte früher nie vor, dorthin zu reisen. Ich hatte von Leuten, die ich kannte, aber gehört, dass Syrien vor dem Krieg paradiesisch gewesen sei. Und ich wusste, was ungefähr vor sich ging, ich hatte mit mehreren Hundert syrischer Flüchtlinge gesprochen. Ich hatte gesehen, was der Krieg mit den Menschen anrichtete und ich war zutiefst berührt von der Gesamtsituation. Syrien – ein Land, welches mir bis dahin lediglich als ein Land im Nahen Osten bekannt war; ein Land, über das ich höchstens wusste, dass der regierende Präsident seit jeher an der Macht ist – war plötzlich so nah. Mir wurde bewusst, dass ich wenige 100 km von der Hölle entfernt war und mir wurde klar, dass diese junge Frau ihre Heimat verlassen hatte. Für immer. Oder zumindest für die nächsten Jahrzehnte. Sie erzählte mir, dass nur noch ihre Mutter in Aleppo wäre und dass sie sich grosse Sorgen machen würde. Und, obwohl wir erst wenige Sätze miteinander geredet hatten, fingen wir beide an zu weinen. Wir umarmten einander, obwohl wir uns bis zu diesem Zeitpunkt noch nie im Leben gesehen hatten, und wir weinten. Wir weinten um Syrien. Um die Menschen. Wir weinten einfach.

Die Lage in Syrien scheint sich nicht zu verbessern. Meine Freunde hatten mir anfangs des Krieges bereits prophezeit, dass dieser Krieg Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, dauern würde. Ich hatte ihnen nicht geglaubt, hatte ihnen nicht glauben wollen. Leider behielten sie Recht.

Ich weiss nicht, woher meine Empathie für ein Land kommt, in dem ich nie gewesen war und wo ich vermutlich nie im meinem Leben hingehen werde. Vermutlich könnte es irgendein Land sein. Egal welches Land sich in so einem schrecklichen Krieg befindet – vermutlich würde es mich genauso berühren.

Dies ist ein Text ohne Statement. Ich möchte euch nicht auffordern, empathischer zu sein oder euch in die Menschen hinein zu versetzen. Ich möchte euch auch nicht daran erinnern, dass auch ihr flüchten würdet, wenn ständig Bomben abgefeuert werden würden. Ich möchte euch nicht sagen, was euch zustossen könnte, wenn ihr dort verhaftet werden würdet. Denn im Grunde genommen habe ich keine Ahnung. Ich weiss es nicht. Ich wollte mit euch nur diesen einen Moment meines Lebens teilen, den ich niemals vergessen werde.

(Quelle Beitragsbild: http://www.spiegel.de/politik/ausland/bild-1043302-871844.html)

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2 Gedanken zu “Um Syrien weinen…

  1. schnipseltippse schreibt:

    Ich kann deine Empathie nachvollziehen. Mir geht es genau so mit Afrika. Obwohl ich keinen speziellen Bezug zu diesem Kontinent habe, fühle ich immer etwas Besonderes, wenn ich mit Afrikanern zu tun habe. Ich kann es mir selbst nicht erklären.

    Gefällt mir

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