Alt und entlassen

Immer wieder treffe ich auf Menschen – meist Frauen ab 50 –, die ich kenne und die mir unter Scham erzählen, ihnen sei gekündigt worden. Stellenabbau – und da trifft es die Alten – die alten Hasen oder einfach die Arbeitnehmer, deren Chancen praktisch bei Null stehen, sich an einem anderen Ort als Arbeitnehmer neu zu integrieren.

Wenn ich frei habe, begehe den Tagesanfang meist im Fitnesstudio. Heute begegnete ich dort einer Bekannten. Sie konnte früher nicht so oft trainieren, weil sie sehr viel arbeitete und das auch noch weit weg, sodass sie, wenn überhaupt, nur abends trainieren konnte. Sie hatte eine verantwortungsvolle und zeitraubende Leitungsposition. Heute Morgen war ich also ziemlich überrascht, sie dort anzutreffen. Da ich manchmal (leider öfter als mir lieb ist) ein Trampel bin, sagte ich: „Was machst du hier? Du arbeitest doch so viel?“ Sofort merkte ich, dass ich in ein Fettnäpfchen getreten war, nur lässt sich das nie rückgängig machen. Sie meinte darauf: „Ja. [Pause] Mir wurde gekündigt. Nach 8 Jahren. Wenigstens konnte ich bis Ende letzter Woche noch meine Pendenzen erledigen und alles abgeben. Stellenabbau – man beginnt bei den Alten.“ Ich taktloses Wesen! Wieso kann ich nicht einfach dezenter fragen: Hast du heute frei? Nun ja. Das macht die Sache nicht besser, allerdings auch nicht viel schlechter.

Es kommt nicht zum ersten Mal vor, dass ich davon höre: Alt und gekündigt. Und ich frage mich: Was soll das eigentlich? Warum wird immer den Alten die Kündigung vor die Nase gehalten? Mir ist schon klar, dass Alte teurer sind als Junge. Und vielleicht lohnen sich Alte auch sonst weniger. Trotzdem – wo bleibt da das Gewissen? Junge Menschen finden schnell eine neue Arbeit, das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Ich hatte nie Probleme, eine Arbeitsstelle zu finden. Aber wenn man alt ist, sieht die Arbeitswelt ganz anders aus. Den Alten werden viele Vorurteile vorgehalten und ich glaube nicht, dass diese immer der Wahrheit entsprechen. Ausserdem: Ist uns nicht klar, dass auch wir eines Tages alt sein werden? Wollen wir dann auf dem Abstellgleis landen? Lieber nicht. Ich glaube, es wäre richtig, andere Menschen so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte – egal ob heute oder in zwanzig Jahren.

Ich gebe zu, dass ich mich schon auch das eine oder andere Mal über ältere Arbeitskollegen ärgere oder geärgert habe. Wie oft habe ich gedacht: Du machst die Arbeit schon viel zu lange und bist frustriert! Such dir etwas Neues! Aber das sind dann meist die, die es nie trifft. Zu Recht auch. Über 50 eine Stelle zu finden, nachdem einem gekündigt worden ist, ist wahrscheinlich eine der schwierigsten Aufgaben, die auf einen zukommt. Neben den Wechseljahren natürlich.

Nun ja, Moral und Ethik hin oder her. Damit ist heute sowieso niemand mehr zu kaufen. Vorbei sind die Zeiten, in denen wir uns vor dem Jüngsten Gericht fürchteten und solche Idiotismen, wie jemanden zu entlassen, der/die unser Vater/ unsere Mutter sein könnte, tunlichst zu vermeiden versuchten. Aber den gesunden Menschenverstand gibt es doch noch, oder? Mal ehrlich, ohne jetzt den Moralapostel spielen zu wollen, aber jeder, der jemanden in diesem Alter entlässt, weiss doch, wie die Chancen stehen, dass diese Person eine neue Arbeitsstelle findet. Und jeder muss doch ruhig in der Nacht schlafen – wie geht das, wenn man gerade jemanden den Boden unter den Füssen weggezogen hat? Die Furcht vor dem Jüngsten Gericht täte dem einen oder anderen Personalchef oder CEO definitiv gut. Zu Anfang täte es auch ein Fünkchen gesunder Menschenverstand.

(Quelle Beitragsbild: http://arbeits-abc.de/kuendigung-das-sollten-sie-wissen/)

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