Neulich im Zug: Liebe alte, frustrierte Frau!

Liebe alte, frustrierte Frau

ich habe nichts gegen alte Menschen, im Gegenteil: Ich habe grossen Respekt vor ihnen. Ich kann mir wohl kaum vorstellen, wie es ist, alt zu sein; seit Jahrzehnten in Rente zu sein. Ich kann mir auch in keiner Weise vorstellen, wie es ist, die letzten – sagen wir – sechzig Jahre die Veränderungen in der Schweiz und die Globalisation miterlebt zu haben.

Für mich ist die Sachlage natürlich einfach: In den letzten vielleicht 15 Jahren, an die ich eine relativ gute Erinnerung habe, hat sich bei Weitem nicht so viel verändert wie in den letzten 50 oder 60 Jahren. Für mich ist es einfach: Ich bin ein sogenannter Digital Native, ich finde mich in der digitalen Welt einigermassen zurecht. Ich spreche einigermassen gut Englisch und habe dadurch wohl einen Zugang zur restlichen Welt. Ich habe die Mittel und die Möglichkeit, die Welt zu bereisen und die Dinge sind mir grundsätzlich nicht so fremd.

Ansatzweise kann ich mir nicht vorstellen, wie es früher war – wie es war, nicht reisen zu können und das auch nicht zu wollen, wie es war, als nicht jeder Haushalt ein Telefon hatte (wie heute übrigens auch, nur hat jeder ein Natel – oder fast jeder) usw. Und wenn ich das alles berücksichtige und versuche, dich, liebe alte Frau, zu verstehen, so gelingt es mir nicht.

Wie du dich empörst! Wie du schimpfst! Wie genervt du bist! Wie du über Flüchtlinge redest! „Wenn man die Grenzen schliessen würde, käme die Hälfte bestimmt gar nicht erst rein!“ Wie bitte? Sollen wir denn unsere Fehler von einst wiederholen? Du bist doch damals klein gewesen, liebe alte Frau, du hast dich hoffentlich dafür geschämt, dass wir damals die Grenzen schlossen! Hattest du keine jüdischen Freude, die gelitten haben, die stigmatisiert wurden?

Du redest vor dich hin (wie hält das dein Gegenüber bloss aus?) und ich kann nicht anders, als dich von schräg gegenüber anzustarren. Ich staune mit offenem Mund über deine Äusserungen! Ich starre dich an und staune! Ich kann nicht glauben, dass du so redest! Liebe alte Frau, was ist dir nur widerfahren, dass du so denkst? Du versteckst dein Gesicht die meiste Zeit hinter der Zeitung, die dich inspiriert, doch irgendwann erhasche ich dann doch einen Blick auf dein Gesicht (ich wende meinen Blick schliesslich kaum von dir ab). Du siehst ganz normal aus. Ich würde sogar sagen, du siehst ganz sympathisch aus. Als junge Frau warst du vermutlich sogar attraktiv – rein äusserlich. Liebe alte Frau, ich möchte niemals so werden wie du. Und ich möchte auch nicht, dass mich jemand so anstarrt wie ich dich neulich und sich denkt: Lieber Gott, lass mich niemals so werden!

 

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