Wann fängt das Leben an?

Es gibt ja so viele Wege, uns das Leben schwer zu machen, zum Beispiel, indem wir ständig über die Zukunft nachdenken, indem wir uns ständig fragen, was noch ansteht, was wir alles erreichen und erleben wollen, wie der nächste, schlaue Karriereschritt aussieht, mit welchen Leuten wir in Zukunft verkehren sollten, um die nötigen, gewinnbringenden Kontakte aufrecht zu erhalten, die sich eines Tages als nützlich erweisen könnten. Die Zukunft – ein abstraktes, nicht fassbares Etwas, von dem weder klar ist, wann es anfängt noch wann es endet. Es ist noch nicht einmal sicher, dass diese Zukunft jemals eintreten wird. Da wir nie wissen, wann unser Leben endet, können wir auch nicht wissen, wie lange es dauert oder wann diese Zukunft – dieses abstrakte, idealisierte und hochstilisierte Etwas – überhaupt anfängt zu sein.

Kinder fragen wir: Und, was willst du einmal werden? Erwachsene Freunde fragen wir: Was willst du noch erreichen? Im Vorstellungsgespräch will man von uns wissen: Wo sehen Sie sich in fünf oder zehn Jahren? Um Gottes Willen! Wie soll ein Kind wissen, was es einmal werden will? Und muss das ein Kind schon „wissen“? Und woher soll ich wissen, wo ich in fünf oder zehn Jahren sein würde? Das wusste ich schliesslich schon vor fünf oder zehn Jahren nicht!

Von all dem, was ich mal werden wollte, ist gar nichts eingetreten. Ich wollte mal Journalistin, dann wieder Psychologin, kurzzeitig auch Zahnärztin werden. Und Sängerin natürlich. Das ist aber schon eine ganze Weile her. Mindestens so lange, dass ich damals noch nicht wusste, dass ich weder musikalisch begabt bin noch singen kann. Der Klavierunterricht konnte auch nichts daran ändern. Also wurde ich nicht Sängerin. Und dann Journalistin: Als mir bewusst wurde, dass ich für wenig Geld krüppeln würde und jahrelang nur über Dinge berichten würde, die niemanden interessieren, verwarf ich diese Idee. Und Psychologin? Sich mit den Problemen anderer zu befassen: Nein, danke (als Erwachsener hat man doch genug eigene). Und warum wurde ich nicht Zahnärztin? Immer in den stinkenden Mäulern herumwühlen: Nein, danke. Und doch, wenn ich es mir so richtig überlege, habe ich gewissermassen doch alles vereinigt (ausser dass aus dem Singen ein Reden und Vor-sich-hinphilosophieren geworden ist): Ich beschäftige mich mit marginalen Themen, die (öfter als mir lieb) meistens niemanden ausser mich interessieren. Ich wühle zwar nicht in fremden, stinkenden Mäulern herum, aber immerhin in übertragenem Sinne in desinteressierten oder überforderten Gehirnen. Und die Probleme anderer? Aber hallo! Wenn das nicht zu meinem definitiven Geschäft geworden ist, dann fresse ich einen Besen. Ständig beschäftige ich mich mit den Problemen der Welt, mit Einzelschicksalen, Familienproblemen anderer, Lernschwächen, schlechten Erfahrungen, Schicksalsschlägen, Delinquenz usw. Man kann dem wohl kaum ausweichen, ausser man arbeitet nicht mit Menschen. So gesehen: Hey, ich habe alles erreicht, was ich mal erreichen wollte – und zwar kumuliert! Hut ab!

Aber zurück zur Realität. Wir überlegen ständig, was wir noch machen, was wir erreichen und erleben wollen, mit wem wir uns treffen wollen oder wen wir gerne besser kennen lernen würden – und insbesondere, WIE wir WERDEN wollen. Ich nehme mal an, dass es den meisten Menschen so geht. Immer lebt man in dieser idealisierten Welt der Zukunft: „Wenn ich erst mal…, dann…“ Ich wünschte mir manchmal, mein Leben nicht als eine endlos zu bearbeitende To-Do-Liste zu verstehen. Wir legen uns Agenden zu, in denen wir monatelang vorausplanen – dieses und jenes abmachen, Ferien buchen und das Leben spielt sich so in der Zukunft ab.

Den Moment zu geniessen, fällt mir manchmal schwer. Gestern ist mir das aber sehr gut gelungen. Ich fuhr nach Zürich und habe mich einfach treiben lassen. Ich genoss die weihnächtliche Stimmung, die Dekoration und beobachtete die Menschen, die im Weihnachtsstress nach Geschenken wühlten, ihre Kreditkarten zückten und mit Säcken voller Waren nach Hause gingen. In den Läden lief Weihnachtsmusik (ich liebe Weihnachtslieder!) und ich genoss jeden Moment, den ich da war. Ich war auch unsäglich froh, dass ich nicht die Leute in den Läden bedienen musste. Mein Gott, waren die Leute gestresst. Ich nicht. Ich genoss den Moment, der ganz alleine mir gehörte und dachte nicht weiter über die kommenden Tage nach.

Und wann fängt nun das Leben an? Wie wäre es mit: Jetzt! Geniesst euer Leben, denn so wie es ist, wird es nie wieder sein und wer weiss, wie es werden wird. Seid dankbar für das, was ihr habt: Für eure Familie, für die Gesundheit, für eure Arbeitsstelle und die Sicherheit, die sie euch gibt. Seid dankbar für den Frieden, den wir hier haben und macht euch nicht meschugge mit den Problemen, die auf uns zukommen könnten, von denen wir aber nicht wissen, ob sie eintreffen werden. Mit Sicherheit wissen wir ohnehin nur eines: Dass wir nicht wissen, wie sich unser Leben und die Dinge in der Welt entwickeln werden. Also geniesst den Moment. Vielleicht ist es der schönste in eurem Leben!

In diesem Sinne: eine besinnliche Weihnachtsszeit und einen guten Rutsch ins 2016!

(Quelle Beitragsbild: http://www.agvs-upsa.ch/de/welt-des-autos/bedeutung-der-mobilitaet/zukunft)

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2 Gedanken zu “Wann fängt das Leben an?

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