Hilfe, unsere Werte zerfallen! Oder: Clash of Religions und: Kann man heutzutage noch an Gott glauben?

Wir sind so weit: Aufgrund der – wenn man sie so nennen soll – Flüchtlingskrise werden Stimmen laut: „Unsere Werte zerfallen! Besinnen wir uns auf christliche Werte zurück!“ Die Gesellschaft sieht sich bedroht – bedroht in ihrer abendländischen Tradition, in ihren Werten, in ihrer Religion, in ihrer kompletten westlichen Kultur. Wir sehen den Islam auf uns zukommen und vergessen, dass das Menschen sind, die kommen. Wir sehen Flüchtlinge, die einen anderen Glauben haben und vergessen, dass es Menschen sind. Die Menschen hierzulande haben Angst vor den Fremden, vor dem Unbekannten; vor anderen Kulturkreisen und Religionen. Wir sehen „Probleme“ auf uns zukommen – aber die, die kommen, sind Menschen.

Reden wir doch ruhig einmal über diese Werte, über unsere Werte, die in aller Munde sind. Es gibt da jemanden – nicht in meinem direkten Umfeld, aber doch in einem erweiterten –, mit dem ich immer wieder geschäftlich zu tun habe. Wenn er sich zu Wort meldet, denke ich mir: So ungefähr dachten Menschen vor vielleicht einem halben Jahrtausend: Gottesfürchtig. Als ich ihn kennenlernte, dachte ich – rein äusserlich, versteht sich (und ja, mega oberflächlich von mir!) –: Der hat bestimmt keine Freundin/ Frau. Aber siehe da, ein Blick auf seine Hand (die rechte oder linke, ich kann mir nie merken, wo die Leute ihre Eheringe tragen) belehrte mich eines Besseren. Da glänzte ein bescheidener Ehering. Krass. Ich war zugegebenermassen ziemlich erstaunt. Nachher dachte ich aber (wohl, um mich selbst zu trösten oder so), dass seine Frau wohl aus dem gleichen Holz geschnitzt sei. Ist sie sicher auch. Ich könnte mir nicht vorstellen, dass sie eine sexy Chefin abgeben könnte, die genau weiss, wie die Dinge laufen. Böse bin ich manchmal, ich weiss.

Kürzlich warf er einen Begriff in die Runde, den ich schon sehr lange nicht gehört hatte und mit dem ich auch sonst nie wirklich in Berührung gekommen war: Gehorsamkeit. Gehorsamkeit? Kann man dieses Wort heute überhaupt noch verwenden? Und wenn ja, wozu? Ich meine, haben wir nicht etwas zeitgemässe Worte, um das abschwächend zu beschreiben? Im Duden steht als Synonym zum Beispiel Unterwürfigkeit! Ach, wie ich Duden liebe. Genau das ist doch gemeint! Gehorsam ist eigentlich unterwürfig. Und ganz ehrlich, ist Unterwürfigkeit eine Tugend, nach der wir leben wollen? Hätte ich Kinder, würde ich sie niemals dazu anhalten, gehorsam und unterwürfig zu sein. Regeln befolgen, ja. Toleranz, Akzeptanz, ja, unbedingt! Aber verdammt nochmal doch auch: Selbst denken! Wir sind doch Wesen, deren Gehirne so weit entwickelt sind, dass wir eigenständig Gedankengänge einleiten und beenden können. Gehorsamkeit, ich könnte…, ähm: mich übergeben!

Gehorsamkeit ist in diesem Fall christlich geprägt. O.k. Ich bin auch Christin (rein theoretisch zumindest) und ich habe weder etwas gegen Christen noch gegen andere Glaubensgemeinschaften. Aber mal ehrlich, wer will schon gehorsam sein? Ich nicht. Ich finde, eines der grössten Errungenschaften unserer Spezies ist das selbständige Denken. Natürlich sind wir beeinflussbar – sei es von Menschen, von denen wir viel halten, oder auch einfach von Medien, von der Presse oder auch von Büchern und allgemein von der Literatur. Dennoch obliegt uns ganz alleine das Urteil über eine Sache. Ich kann mich informieren, mich austauschen, aber was ich über etwas denke oder wie ich darüber urteile, bleibt einerseits meine ganz persönliche Angelegenheit und anderseits kann es sogar mein Geheimnis bleiben. Gott sei Dank!

Trotzdem frage ich mich immer wieder: Kann man heute ehrlich noch an Gott glauben? Mit welcher Begründung eigentlich? Vielleicht mit dieser: Die Menschen brauchen etwas, an das sie sich im übertragenen Sinne festhalten können. Ja, das stimmt, das muss aber nicht notwendigerweise die Religion sein oder Gott. Was mir zum Beispiel Halt gibt, sind Literatur und Philosophie. Ohne diese beiden würde es mir schwer fallen, die Dinge zu verarbeiten und zu verstehen. Und Sport – aber Sport ist so gar nicht mit Religion vergleichbar. Was aber den Ursprung in der Religion hat, ist die Menschenliebe. Menschenliebe ist auch so etwas, von dem ich glaube, dass es grösser geschrieben werden muss als es das derzeit wird. Dieses Sich-selbst-distanzieren-indem-man-andere-enthumanisiert stört mich gewaltig.

Ich mag Dinge, die logisch sind und die gewissermassen beweisbar sind, also wissenschaftlich vielleicht nicht geklärt sein müssen, aber dass immerhin eine grosse Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie wahr sind (ich hätte Logik studieren sollen – dafür liebe ich die Philosophie). Und selbst wenn wir alle etwas brauchen, was uns die Welt erklärt und erträglicher macht, so muss man dieses etwas ja nicht unbedingt anderen aufzwingen wollen, vor allem dann nicht, wenn dieses etwas ziemlich unmodern ist. Oder frauenfeindlich. Oder schwulenfeindlich.

Wie dem auch sei. Ob es Gott nun gibt oder nicht, eines ist sicher: Gott würde bestimmt auch modern sein und sich mit der Zivilisation weiter entwickeln wollen (ich halte Stillstand nämlich für etwas sehr Gefährliches). Das tut die Philosophie schliesslich auch – und die gab es immerhin schon vor Jesus!

(Quelle Beitragsbild: https://de.wikipedia.org/wiki/Gott_(Christentum)#/media/File:Creación_de_Adám.jpg)

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