Wenn du dem perfekten Mann zu spät begegnest

Unsere erste Begegnung war schicksalshaft. Ich hatte in dieser Einöde, die sich zwar Stadt nennt, aber keine visuellen Reize zu bieten hat, seit enormer Zeit keinen Mann gesehen, der mich in irgendeiner Weise optisch angezogen hätte. Du hast mich in diesem – einen – Augenblick aus einem lethargischen, ja vielleicht sogar hoffnungslosen Schlaf aufgeweckt. Es waren wenige Sekunden, wenn überhaupt, in denen sich unsere Blicke kreuzten. Ich kann nicht sagen, dass ich damals gewusst hätte, dass dieser eine Augenblick viel mehr zu bedeuten hätte, als es den Anschein hatte. Aber gefühlt habe ich es. Glaube ich.
Wochen später sah ich dich erneut und ich erinnerte mich an dich. Das sagte ich dir natürlich nicht. Die wenigen Trümpfe, die eine Frau in der Hand hat, muss sie nicht sofort ausspielen. Viel später, erst Monate später, sagte ich dir, dass ich mich noch an unsere erste Begegnung, in der wir kein Wort wechselten, hätte erinnern können. Du auch. Du hast mir von deinem Erlebnis erzählt. Es war dir gleich ergangen.Wir waren wie füreinander geschaffen. Das zeigte sich bereits bei unserer ersten, längeren Begegnung. Wir hatten geschäftlich miteinander zu tun. Jedes Mal glaubte ich, die Wände würden explodieren. Diese Begierde, die du in mir hervorgerufen, ja wachgerüttelt, oder mir gar überhaupt erst eingehaucht hast, liess den Raum explodieren. Du hast dieses Phänomen anders genannt. Mit Wasser und Strömen umschrieben. Für mich war es Feuer, es waren Funken. Besser gesagt: Für mich ist es Feuer, es sind Funken, es sind Explosionen. Kettenreaktionen. Die Welt geht mit dir unter und sie entsteht mit dir neu.Wir reden, wir kokettieren, wir arbeiten zusammen, als hätten wir nie etwas Anderes getan. Wir sehen uns an, als könnten wir unsere Gedanken lesen. Als wüssten wir, was wir denken. Das ist noch immer, Jahre später, so. Ich vermute – ich befürchte, es wird so bleiben. Jedes Wort und jeder Blick sind ein Begehren; Leidenschaft voller Schmerzen. Trotzdem tut es nicht weh. Nichts an dir schmerzt mich. Auch nicht deine Abwesenheit. Nicht deine Anwesenheit. Ich vermisse dich nicht, wenn du nicht da bist. Wenn du da bist, sehne ich mich nach dir. Nur nach deiner Nähe, aber nicht nach dieser Nähe, nach der sich Liebende sehnen. Es ist vielmehr eine Vertrautheit. Ich sehne mich danach, dass du bei mir bist, aber nicht danach, dass du mich berührst. Es ist nicht die Sehnsucht Liebender. Was es ist, weiss ich nicht.

Du erklärst mir die Welt, deren Ordnung und Unordnung. Du erklärst mir Kriege, Menschen, Geschichten. Mit jedem Wort, das du sprichst, verteidigst du dich. Dafür, dass du bist, wer du bist. Und ich sage dir: „Das musst du mir nichts sagen. Ich weiss das.“ Und du sagst: „Ich weiss. Du hast Recht. Du weisst es.“ Du erzählst mir von deinen Strategien, fragst dich, ob Provokation der Weg sei, um den Menschen die Dinge zu erklären. Wenn du übertreibst und vergisst, dass du mit mir redest – mit mir, die ich dir alles und nichts glauben würde. Die ich alles und nichts für dich tun würde. Für dich verzichte ich und von dir zehre ich. Wir sprechen über Politik, über Geschichte, über die Gesellschaft. Wir stellen fest – ach, welch ein sensationeller Einfall –, dass die Menschen desinteressiert sind. Sie konsumieren die Medien, die ihnen nahe sind. Sie konsumieren, was ihnen dargeboten wird. So ausgeschmückt, dass es gerade noch der Hinterletzte versteht. Und wir trauern zusammen. Um die Welt. Um die Gesellschaft. Um uns. Ja, wir trauern auch um uns.

Wir trauern um uns. Weil wir sind, wie wir sind, weil wir im anderen sehen, was wir nicht sehen dürften. Warum nicht? Wegen der Gesellschaft. Sie verbietet es uns. Und vielleicht verbietet es uns auch etwas in uns. Dein Glaube. Dein Glaube an Gott und an die immerwährende Liebe. Ich akzeptiere das und werde nie etwas anderes tun. Es ist sogar mehr: Ich bewundere dich darum. Und trotzdem trauern wir jedes Mal um uns beide. Um unser Zusammen. Und um die Frage nach dem Zeitpunkt. Hätten wir doch, wären wir nur…

Das Leben ermöglicht uns Konjunktive nur in einer Traumwelt. Doch in diese tauche ich nicht ein. Weil ich dich liebe und dich nicht liebe. Weil ich dich niemals verletzten möchte. Weil du bist, wer du bist, und du so perfekt bist. Du bist wie ein Kunstwerk, das jeder Restaurateur nur minderwertig machen könnte. Zerstören könnte. Das würde ich nie tun.

Ein Mal haben wir mit dem Feuer gespielt. Und uns nicht verbrannt. Es war nur ein Beweis dafür, was wir schon immer wussten. Dass wir die Lava zum brodeln bringen können. Blicke alleine reichen dafür. Nach dem Vulkanausbruch waren wir stolz, weil wir vor der Flut geflüchtet waren. Gerade noch rechtzeitig. Das hätte uns nie jemand geglaubt. Niemals. Nicht einmal wir konnten es glauben. Wir waren mächtig stolz.

Das hat nichts daran geändert. Es ist, wie es vor Jahren war, und wie es weiterhin sein wird. Du erinnerst mich manchmal an eine Jugendliebe, die unglücklich endete. Gleichzeitig gibst du mir Hoffnung – an die Liebe, an das Wahre, Echte, Ehrliche. Durch dich glaube ich und mit dir hoffe ich. Du zerrst mich aus der Hoffnungslosigkeit, aus der Depression, aus der Lethargie, sodass ich mich nicht selbst erkenne. Du behauptest: „Es geht mir gut.“ Ich sehe dich an, ohne etwas zu erwidern. Du sagst: „Du hast Recht. Du kennst mich.“

Ich kenne dich und kenne dich doch nicht. Ich fühle, wer du bist. Aber dich kennen? Ich kenne deine Gewohnheiten nicht. Ich weiss nicht, wer du bist, wenn du nicht mit mir bist. Und doch ist es, als hätten wir uns ein Leben lang gekannt. Als hätten wir nie etwas Anderes getan, als geredet, als uns geliebt, als wären wir nach Schicksalsschlägen füreinander da gewesen. Als hätten wir zusammen geweint. Doch das machen wir nie. Aber wir könnten. Wenn wir wollten. Ja, wir würden wollen, aber wir dürfen nicht. Darum machen wir es nicht. Weil wir nicht dürfen, noch nicht einmal wollen dürfen. Und es ist in Ordnung. In unserer gemeinsamen kleinen Welt, die nur wir beide verstehen, ist es so in Ordnung. Diese Ordnung wollen wir nicht zerstören und das verlangt auch niemand von uns. Selbst wenn andere um unsere Welt wüssten, könnten sie sie nicht zerstören, weil sie unzerstörbar ist.

Du sagst zu mir: „Es ist…Ich kann es nicht in Worte fassen. Wenn wir uns Jahre nicht sehen würden – es wäre gleich.“ Du versuchst, mir zu erklären, was du meinst, was du fühlst. Ich kann es selbst nicht in Worte fassen, nicht umschreiben. Auf gar keinen Fall vergleichen. Ich weiss, was du meinst. Und du hast Recht: So wird es immer sein. Es braucht keine Körperlichkeit, denn die Erfüllung liegt woanders. Wir sind durch ein unsichtbares Band verbunden. Auch wenn andere spüren, dass es da ist – sie werden nie wissen, wie stark es ist. Nie. Und das ist gut so.

Du und ich. Es wird bleiben, wie es ist, weil es so am schönsten ist. Anders geht es nicht. Und selbst wenn es anders ginge… Aber es geht nicht. Wie gestern, vor einem Monat und vor Jahren. So ist es am schönsten – und das wissen wir.

 

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