Hallo, ungerechtes Leben: Tod auf der Flucht.

Bisher wurde ich wohl häufiger mit der Ungerechtigkeit des Lebens konfrontiert als mit der Gerechtigkeit. Redet man mit Flüchtlingen, denkt man: Wir sind gleich alt – warum hatte ich dieses Glück und du dieses Pech? Automatisch stellt man sich die Frage, warum man selbst (bisher) vom Schicksal und vom Pech verschont wurde und andere nicht. Klar haben die meisten von uns das eine oder andere erlebt, was nicht wünschenswert ist. Und wir haben Dinge erlebt, die wir niemandem wünschen. Und doch lässt sich jedes Unglück potenzieren.

Eine unheilbare Krankheit ist per se schon ein Todesurteil, und zwar ein mühsames. Aber stellt euch vor, ihr erkrankt an derselben Krankheit und befindet euch in Aleppo oder Homs (Syrien). Wird die Tatsache, dass ihr dort seid, wo ihr keinen Zugang zu einer adäquaten und notwendigen medizinischen Versorgung habt, nicht noch um ein Vielfaches verschlimmert? Und dann stellt euch vor, dass ihr eine Familie zu versorgen habt und diese nach eurem Tod vor einem Trümmerhaufen stünde. Und stellt euch vor, ihr macht euch in dieser Situation auf den Weg nach Europa, weil ihr keinen Ausweg mehr seht. Stellt euch vor, ihr seid so verzweifelt, dass ihr mit eurer Ehefrau und den kleinen Kindern auch noch ein Gummiboot an der türkischen Küste besteigt, in der Hoffnung, griechischen Boden zu erreichen. Und stellt euch vor, dass dieses Boot kentert und ihr ohne Kinder zurück auf türkischen Boden kommt. Und stellt euch vor, es ist nicht eine Geschichte, die ich niederschreibe, weil ich – wie mir kürzlich vorgeworfen wurde querlinks sei –, sondern dass diese Geschichte weder meiner Phantasie entspringt noch ein Einzelfall ist.

Es würde mich interessieren, was so eine Geschichte mit euch macht. Mir geht es dabei so: Ich habe den Eindruck, dass wir im Moment alles falsch machen, was wir eben falsch machen können. Kein Mensch schert sich einen Dreck um Syrien. Wo sind die „Friedensbringer“, wenn es sie bräuchte? Warum zwingt man die Akteure vor Ort nicht endlich in die Knie? Warum interessiert uns nicht, was in Syrien abläuft und warum interessieren uns die Menschen nicht? Warum sind uns die Zinsen auf unseren Konti wichtiger als der Frieden? Warum haben wir das Botschaftsasyl abgeschafft, mit dem eine solche Familie hätte legal in die Schweiz reisen können? Warum werden Flüchtende an den Grenzen abgewiesen? Warum verbarrikadieren wir uns in unseren Glashäusern und werfen mit Steinen um uns? Glauben wir denn ernsthaft, dass uns diese Weltkrise nichts angeht? Glauben wir wirklich, dass wir uns selbst retten, indem wir andere ihren Schicksal überlassen?

Und wenn ihr jetzt sagt: „Was passiert mit uns, wenn wir sie alle reinlassen?“, dann frage ich euch: Was passiert wohl, wenn wir es nicht tun? Und was muss noch passieren, damit wir es endlich tun? Können wir diese Verantwortung ernsthaft tragen? Stellt euch nur einmal vor, wir wären an ihrer Stelle. Würdet ihr dann nicht auch wollen, dass Europa tätig wird? Dass uns geholfen wird?

Liebes Europa, ich liebe dich so sehr, aber ich fürchte, dass wir uns gerade unser Grab selbst schaufeln.

(Quelle Beitragsbild und obige Geschichte: http://www.stern.de/tv/den-schleppern-ausgeliefert–tod-auf-der-flucht-nach-deutschland-6689864.html)

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