Frei sein. Leben ordnen. Widerspruch? (Kündigung)

Ich versuche, meine Gedanken zu ordnen. Du merkst, dass ich dir nicht zuhöre, obwohl ich mich redlich bemühe. Du fragst mich: Woran denkst du? Ich bin abwesend. Gedanklich. Körperlich bin ich hier. Und ich merke, dass es mich nicht interessiert, was hier läuft. Ich bin so sehr mit mir selbst beschäftigt, dass es mich zu viel Anstrengung kostet, mich ins Hier und Jetzt zurückzuholen. Zurück zu zwingen. Denn ich will eigentlich gar nicht hier sein. Ich will überall sonst sein, nur nicht hier. Und ich will alles andere machen, nur nicht das hier. Und ich will einfach frei sein. Ich lechze nach dieser unendlichen Freiheit, obwohl ich weiss, dass es sie nicht in einer Unendlichkeit gibt. Dass ich sie nie erreichen, nie haben werde. Und doch: Ein Stückchen Freiheit kann ich haben. Jetzt.

Es ist so: Ich kündige. Du ziehst deine Augenbrauen hoch. Dein Mund öffnet sich, es macht den Anschein, als wolltest du etwas sagen. Du glaubst, dich verhört zu haben. Du bittest mich, zu wiederholen, was ich gerade gesagt habe. Ich sage, du hast schon richtig gehört. Du scheinst etwas Anderes zu hören. Etwas Schreckliches. Als hätte ich dir gerade eine traurige Nachricht überbracht. Du verstehst es nicht, willst wissen, warum, was mich dazu bewogen habe. Ich kann es dir nicht in einem Wort sagen. Ich glaube, es sind viele Gründe. Und ja, es ist auch eine spontane Reaktion meinerseits. Ich habe es mir dennoch lange überlegt, natürlich. Ich habe abgewogen und alle Pro- und Kontrapunkte in eine und dieselbe Waagschale gelegt. Und als ich die Waagschale dann ausgewertet habe, habe ich gemerkt, dass mein Herz gehen will. Es ist eine Herzensangelegenheit. Du würdest sagen, eine Gefühls- oder Affektreaktion. Mag sein. Mag sein, dass du sogar Recht hast. Ja, wahrscheinlich hast du Recht, wenn du sagst, es sei beides. Ist es vermutlich auch. Ja. Na, und? Ist doch egal. Im Prinzip kommt es gar nicht darauf an, ob es eine Vernunfts- oder eine Gefühlsentscheidung ist. Es ist wenigstens eine. Ja, es ist eine Entscheidung. Viele Menschen können sich nicht entscheiden, können sich nie entscheiden, und verharren in der Routine. Ich nicht. Nein, besser: Diesmal nicht. Diesmal mache ich nicht den gleichen Fehler wie damals. Diesmal treffe ich eine Entscheidung und stehe dazu, auch wenn es schwierig sein kann. Das weiss ich. Ich weiss, dass die Chancen, keine Arbeitsstelle zu finden – oder nicht in absehbarer Zeit – ein Risiko darstellen. Finanziell, eigentlich nur. Aber ich kann damit leben. Ich kann das Risiko tragen. Und sollte es dazu kommen, werde ich es tragen und zu meiner Entscheidung stehen.

Deine Augenbrauen senken sich wieder. Ich glaube, dass du verstehst, was ich dir erklären will. Ich glaube sogar, dass du dich für mich freust, dass ich es diesmal rechtzeitig schaffe, auf mein Gefühl zu hören und entsprechend zu handeln. Dass ich es schaffe, in meinem Sinne und zu meinen Gunsten zu handeln und nicht zu jemand anderes Gunsten. Dass ich die Loyalität mir gegenüber diesmal höher gewichte als auch schon. Dass ich mir treu bleibe und nicht meinem Arbeitgeber. Und vor allem, dass ich den Mut habe, auf mein Gefühl und mein Herz zu hören, dazu zu stehen und alles Weitere zu tragen. Ich bin stark, das schaffe ich schon, komme, was wolle.

Und weisst du was? Ich glaube, ich habe mich noch nie so frei gefühlt in meinem Leben wie gerade jetzt. Es ist die Zeit, in der ich nicht weiss, ob ich eine neue Stelle finden werde, während ich weiss, dass ich nicht bleiben werde. Es ist kritisch. Man ist etwas in der Schwebe. Aber man fühlt sich auch unendlich frei! Und diese Freiheit werde ich auskosten.

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