Messerstecherei im Zug in der Schweiz (Salez, Kanton St. Gallen)

 Ihr habt es alle gehört: Heute hat ein junger Mann mehrere Menschen schwerverletzt, weil er eine brennbare Flüssigkeit im Zug vergossen und mehrere Menschen mit einem Messer attackiert hat. Zum Hintergrund und zum Motiv ist nicht viel bekannt; wahrscheinlich auch, weil der mutmassliche Täter ebenfalls schwerverletzt medizinisch versorgt wird. Unter den Opfern befindet sich auch ein 6jähriges Kind. Was genau passiert ist, weiss man noch nicht und ich war auch nicht dabei. Aber ihr könnt euch denken, dass es mich beschäftigt.

Europa ist in den letzten Monaten und auch Jahren vermehrt Opfer von Anschlägen und Attacken verschiedener Art und verschiedenes Ausmasses geworden. Gerade diesen Sommer häufen sich die Meldungen, wie ich finde: Gleich mindestens drei Anschläge in Deutschland, dann Brüssel, letztes Jahr Paris, heute die Tragödie in der Schweiz. Die Tat wird wohl keinen terroristischen Hintergrund haben, zumal es sich um einen Schweizer handeln soll. Mal war in den Medien von einem Beziehungsdrama die Rede, mal hält man sich bedeckt. Wie dem auch sei; wir sind uns alle einig, dass diese – und überhaupt solch eine – Tat eine Tragödie ist. Mir gehen mehrere Gedanken durch den Kopf und ja, es ist nicht nur ein Wort, das ich mit euch teile.

Erstens: Die Bereitschaft zu töten. Ja, ich stelle mir diese Frage jedes Mal, ich weiss, weil ich die Prozesse, die in einem Menschen vorgehen, nicht nachvollziehen kann. Was alles muss jemandem widerfahren, damit er so eine grausame Tat verübt? Oder ist es nicht einmal die Erfahrung, die er gemacht hat, sind es vielmehr die Sozialisation, Gene, die psychische Disposition? Oder – was wohl wahrscheinlich ist – eine Kombination davon? Wie ist es möglich, dass alle Warnlämpchen dem Umfeld entgehen? Wie kommt es dazu, dass einer die Kontrolle über sich selbst dermassen verliert, dass er Menschen verletzt oder gar tötet? Es ist und bleibt mir ein Rätsel; leider auch eine Frage, die mich umtreibt. Wer oder was gibt denn jemandem das Recht, in ein Menschenleben einzugreifen?

Zweitens: Manchmal bin ich so sehr mit mir beschäftigt, dass ich vergesse, was ich schon lange gelernt und verinnerlicht habe: Meine Sorgen sind im Vergleich zu denen gewisser anderer Menschen in extremer Weise banal. Was mich heute beschäftigt, werde ich morgen lösen. Aber Menschen, die sich zu solch einer Tat hinreissen lassen, hadern (vielleicht) mit ganz anderen Problemen. Nicht zu vergessen dabei sind die Opfer, und zwar nicht nur jene, die unmittelbar angegriffen wurden und womöglich in Lebensgefahr schweben; sondern auch jene passiven Opfer, welche die Tat gesehen, miterlebt haben. Ich glaube zwar, dass man auch so ein tragisches Erlebnis verarbeiten kann, wenn man aktiv daran arbeitet. Aber mal ehrlich: Was ist mit dem 6jährigen Kind, welches schwerverletzt ist?

Drittens: Ich liebe die Schweiz und ich fühle mich hier sicher. Ja, auch ich weiss, dass heutzutage überall alles passieren kann. Tut es leider auch und das nicht nur heute, sondern schon immer, früher einfach anders. Dass so eine Tat in der Schweiz passiert, erfüllt mich mit Schmerz. Mein Land, das sich so gerne mit Mauern gegen aussen abschottet, das seinen einen Weg gehen will (oft zu einsam, wie ich finde), das so stolz ist auf Werte und politische Errungenschaften ist; dass in meinem Land, das immer als Idylle und Schlaraffenland wahrgenommen wird, im Schokolade-Käse-Banken-Land so etwas passieren kann, macht mir Angst. Ja, es macht mir Angst, weil wir immer betonen, wie besonders und einzigartig wir sind.

Vielleicht sind meine nächtlichen Worte ohne roten Faden, ohne Sinn. Aber es wäre nicht fair und auch nicht ehrlich, lediglich Empathie mit Paris oder Orlando zu haben. Ich empfinde tiefstes Mitgefühl mit allen Menschen; im Moment ganz besonders mit den Menschen, die heute ungewollt, ungefragt und ohne jegliche Entscheidungs- und Handlungsfreiheit Teil dieser Tragödie geworden sind.

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