Du lässt alles um dich herum verblassen

Nein, ich habe nicht an dich gedacht. Na gut, manchmal schon, aber ich denke nicht so oft an dich wie auch schon. Und ich würde mich im Moment auch nicht bei dir melden. Ich habe weder das Bedürfnis, von dir zu hören noch dich zu sehen. Du bist im Moment nicht Teil meiner Welt. Ich vermisse dich nicht, du fehlst mir nicht. Und dann stehst du vor mir und ich merke, dass ich mich getäuscht habe: Ich habe dich vermisst – ja ich vermisse dich sogar in diesem Moment, in dem du vor mir stehst. Es ist, als hätten wir uns immer gesehen, als wärst du nie weggewesen. Du bist ein Teil meines Lebens, ohne da zu sein. Einfach nur die Tatsache, dass es dich gibt, genügt, um Teil meines Lebens zu sein. Das merke ich aber erst, als ich dich sehe.

Ich zittere innerlich. Wir haben uns lange nicht gesehen, lange nicht gesprochen, ich habe deine Stimme schon lange nicht gehört. Und dann stehst du unerwartet vor mir und ich bin hin und weg – ich vergesse gerade, wer und wo ich bin. Du kannst dir so viel erlauben und ich bin hin und weg. Ich würde dir alles verzeihen. Ja, alles. Und ich tue es tatsächlich.

Wenn du nicht da bist, ist es in Ordnung. Aber wenn du da bist, steht meine Welt Kopf. Ich weiss nicht, was es ist, aber es ist magisch. Wir reden über dieses und jenes, aber ich denke: Wo warst du? Mein Gefühl sagt mir: Du warst nie weg, du warst immer da, immer präsent, nur nicht physisch anwesend. Wir könnten uns Jahrzehnte lang nicht sehen und du wärst doch da – irgendwie bist du eben immer da. Dich zu vergessen, fällt mir schwer. Nicht, dass ich daran arbeiten würde. Nicht, dass ich versuchen würde, dich zu vergessen. Nein, ich versuche es nicht – es wäre wie ein Kampf David gegen Goliath. Jemanden zu vergessen, der sich so stark in dein Herz eingebrannt hat, ist zuweilen unmöglich. Ja, die Zeit, in der wir uns nicht sehen, hilft. Aber sie hilft mir nicht, dich zu vergessen.

Du sagst, ich hätte dir gefehlt. Du hast mir – wenn ich ganz ehrlich bin – auch gefehlt, aber das sage ich dir nicht. Was würde es mir bringen, dir das zu sagen? Würde es etwas ändern, uns helfen? Nein, würde es nicht. Aber du weisst, dass es mir genauso geht. Wir verstehen uns eben ohne Worte. Nein, es ist so: Wir reden über ernsthafte Themen und sind gedanklich doch nur bei uns. Bei einem wir, das es weder gab noch gibt noch jemals geben wird. Und doch: In unserer Zweisamkeit gibt es nur uns. Die Welt verblasst völlig, sie verliert ihre Farben, wenn du da bist. Ich sehe nur dich und mich – ich sehe uns. Raum und Zeit verschwinden, sind kein Parameter mehr, mit dem man irgendetwas misst oder fühlt. Ich weiss, dass ich dir gefehlt habe, sonst wärst du jetzt nicht hier. Ich weiss, dass du mich vermisst hast, sonst stündest du nicht vor mir. Und dein Blick sagt alles.

Wir versuchen, vernünftig zu sein. Und zuweilen klappt das ganz gut – wir haben Übung im Vernünftig-Sein. Ja, das beherrschen wir ganz vorbildhaft. Dass wir beide aber am liebsten unvernünftig wären, ist die Wahrheit. Wir reden über alles Mögliche, manchmal sogar über uns, wir bewegen uns in einer Was-Wäre-Wenn-Welt und tun manchmal so, die Welt wäre so. Ist sie aber nicht. Nie. War sie nie und wird sie nie sein. Aber es tut manchmal gut, in diese Welt abzutauchen und zu träumen.

Schau mich nicht so an, denke und sage ich. Ich kann deine Sehnsucht nach mir nicht stillen. Doch, ich könnte und ich würde, wenn ich eben wirklich könnte. Kann ich aber nicht. Und du auch nicht. Und du bleibst hier, wir verweilen noch eine Weile in unserer Traumphantasiewelt, bis du aufbrichst und wir wieder in unser Leben zurückkehren – alleine, aber glücklich und dankbar. Dankbar sogar für das, was nicht ist und nie sein wird – dankbar für die Tatsache, dass es so etwas wie uns geben könnte, wenn es uns geben dürfte.

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