In allen Welten des Leides und der Lust bist du der Inbegriff meiner Bewunderung und Freude

„Ich liebe dich, ich liebe dich, mein Herz ist eine Rose, die unter deiner Liebe erblüht ist, mein Leben ist eine Wüste, die der köstliche Hauch deines Atmens kühlt, deren klare Brunnen deine Augen sind (…). Liebe mich immer, liebe mich immer. Du bist die höchste, die vollkommene Liebe meines Lebens, eine andere kann es nicht geben. (…) O süssester Knabe, geliebteste Liebe, meine Seele umfasst deine Seele, mein Leben ist dein Leben, und in allen Welten des Leides und der Lust bist du der Inbegriff meiner Bewunderung und Freunde.“

Diese Zeilen unter vielen anderen verfasste Oscar Wilde an die Liebe seines Lebens am 20. Mai 1985. Die beiden trennten sechzehn Jahre Altersunterschied, Oscar Wilde war zum Zeitpunkt des Kennenlernens nicht nur verheiratet, sondern auch Vater zweier Söhne.

Ich bin kürzlich auf diese Zeilen gestossen. Nein, so ganz richtig ist das nicht. Ich kannte sie schon, ich kannte den ganzen Brief, der zwar voller Liebesbekundungen ist, und dennoch in keiner Weise kitschig daherkommt. Wie muss dieser Brief den Adressaten bewegt, sein Herz entzückt haben? Ich weiss es nicht. Ich kann es nur erahnen, ich kann nur hoffen, dass es so gewesen sein mag – falls er ihn jemals gelesen hat.

Die Liebe ist eine seltsame Sache. Sie passiert, ohne dass wir zustimmen, sie überfällt uns manchmal in einer Lebensphase, in der wir nicht bereit dafür sind. Manchmal verlieben wir uns in einen Menschen und wissen nicht genau, weshalb. Und manchmal wünschten wir, wir würden uns in einen Menschen verlieben, weil wir ihn mögen und denken, er würde wunderbar zu uns passen – und es passiert nichts mit unserem Herzen. Und manchmal – leider öfter – wissen wir, dass es trost- und sinnlos wäre, uns zu verlieben und wir verlieben uns trotzdem. Manche von uns verlieben sich schnell, manche oft, manche höchst selten. Ich gehöre wohl zur letzteren Spezies. Ich weiss nicht, was es braucht, damit ich mich verliebe, aber wenn es passiert, dann richtig. Ich bin entweder hin und weg oder nicht interessiert. Manchmal verlieben wir uns nicht und schlittern trotzdem in eine Beziehung hinein, einfach, weil wir Anziehung oder die Tatsache, dass wir uns gut verstehen, mit Liebe oder Verliebtsein verwechseln. Das wird uns aber später bewusst, und zwar dann, wenn wir uns hoffnungslos in einen anderen verlieben.

Jemand sagte mir einst, man solle Partner oder generell Männer/ Frauen nicht miteinander vergleichen. Ich stimme zwar zu und mache es trotzdem. Natürlich vergleichen wir unsere Erfahrungen, wir vergleichen Beziehungen, wir vergleichen auch uns selbst in den Beziehungen. Ich glaube nämlich nicht, dass wir in jeder Beziehung gleich sind – auch wenn wir die gleichen sind, obwohl wir natürlich nie die gleichen sind. Vor zehn Jahren war ich anders und somit war ich auch in der Beziehung anders.

Die Liebe ist eine seltsame Angelegenheit. Wenn ich herausgefunden habe, wie man das Verliebtsein ewig aufrechterhalten kann (ist das überhaupt erstrebenswert?), werde ich es euch wissen lassen. Man sagt, aus Verliebtsein werde Liebe. Aber ich glaube, dass das nicht immer der Fall ist. Und manchmal sogar kann es umgekehrt geschehen: Ja, wir können jemanden lieben und uns erst zu einem späteren Zeitpunkt verlieben. Es ist sogar möglich, jemanden zu lieben, ohne sich jemals in ihn zu verlieben. Ich rede aus eigener Erfahrung.

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