Neulich: Das vermeintlich perfekte Bewerbungsgespräch

Neulich wurde ich zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Ich weiss selber nicht, weshalb ich mich auf diese Stelle beworben hatte. Vermutlich aus Neugier. Ja, das wird es gewesen sein. Die Stellenausschreibung liess viele Fragen offen und grundsätzlich fand ich sie interessant, also bewarb ich mich darauf.

Ich wurde freundlich empfangen, aber mir wurde kein Wasser angeboten – ein Problem für mich, die ich immer wieder einen Schluck trinken muss. Nun gut, danach fragen konnte ich natürlich nicht.

Ich sass einer Frau und einem Mann gegenüber. Nette Leute, wie ich fand. Überhaupt war die Atmosphäre sehr angenehm. Ich hätte mir gut vorstellen können, dass wir eines Tages zusammen arbeiten könnten. Ich hätte mir auch mich in dieser Rolle vorstellen können. Bis wir dann zu den Rahmenbedingungen kamen. Zwei von drei Rahmenbedingungen hatte ich im Bewerbungsschreiben genannt (Pensum und Startdatum), aber ich wurde erneut danach gefragt und merkte, dass die beiden Punkte nicht zur Zufriedenheit meines Gegenübers beitrugen. Ich hatte allerdings von den Alternativen bezüglich Pensum und Arbeitsstart, die in der Stellenbeschreibung angegeben waren, Gebrauch gemacht. Trotzdem: Ein Nasenrümpfen. Nun gut.

Dann die Fragen in einem Vorstellungsgespräch. Hier ein Auszug:

  • Frage: Was vertragen Sie schlecht (auf der Arbeit)?
  • Antwort: Langeweile. Wenn ich morgens nicht weiss, wie ich den Tag rumbringen soll, dann bin ich frustriert, folglich demotiviert (wozu sollte ich auch motiviert sein, wenn es nichts zu tun gibt?), aber auch persönlich nicht erfüllt.
  • Frage: Sind Sie eher Generalistin oder Spezialistin?
  • Antwort: (Nach langem Überlegen) Ich bin nicht so detailversessen und ich habe eher breite als tiefe Interessen – ich interessiere mich für vieles und will über vieles Bescheid wissen. Teilweise – je nach Gebiet – interessiert mich auch das Detail, aber ich bin nicht der Typ, der stunden- oder tagelang an Kleinigkeiten herumfeilen kann. Ich schliesse Dinge gerne ab – zwar qualitativ hoch, aber nicht perfektionistisch.
  • Frage: Wo sehen Sie sich in 10 Jahren?
  • Antwort: Privat oder beruflich?
  • Frage: Beides?
  • Antwort: Habe ich mich hier als Hellseherin beworben? (Nein, das habe ich natürlich nicht geantwortet, hätte ich aber gerne macht.) Ich weiss es nicht. Ich will mich einfach weiterentwickeln und privat und beruflich glücklich und zufrieden sein.

Als es dann um den Lohn ging, hatten wir wohl völlig verschiedene Vorstellungen. Ich nannte allerdings keinen Phantasielohn, sondern das, was ich die letzten Jahre ungefähr verdient hatte. Wir lagen aber ziemlich weit auseinander. Ich glaube, das war der Moment, in dem mir und meinen Gegenübern klar wurde: Das ist nichts für mich. Natürlich ist Geld nicht alles, aber ich finde, bei einem Stellenwechsel sollte man wenigstens so viel verdienen wie davor. Eine Nullnummer also.

Eigentlich schade, dass es unter anderem am Lohn scheitert, finde ich. So verbaut man sich als potentieller Arbeitgeber die Chancen auf qualifizierte und professionelle Mitarbeiter. Ich glaube, das wurde meinen beiden Interviewern in diesem Moment auch klar.

Aber ich staune grundsätzlich über die Unflexibilität mancher Arbeitgeber. Sie bestimmen so viel – Startdatum, Arbeitszeit, Ferien; und der perfekte Bewerber soll möglichst zu allem ja und Amen sagen. Aber die Zeiten haben sich geändert. Die Loyalität der Arbeitnehmer für die Arbeitgeber ist ziemlich flexibel – bekomme ich nicht, was ich will, dann gehe ich halt wieder oder trete die Stelle schon gar nicht an. Mag sein, dass die Arbeitnehmer heut zu Tage auch sehr fordernd sind, aber mal ehrlich: Nur so kommt man weiter. Klar, Kompromisse müssen eingegangen werden – aber ich finde von beiden Parteien aus. Die Zeiten sind vorbei, in denen wir Arbeitnehmer uns dem Diktat der Arbeitgeber untergeordnet haben. Der Arbeitsmarkt ist flexibler als früher. Ich weiss zwar, dass es nicht einfach ist, eine neue Stelle zu finden – die 90er Jahre sind nun mal vorbei, als man einfach in einen Betrieb reinspazieren und am nächsten Tag die Arbeit aufnehmen konnte, um ein halbes Jahr zu bleiben und danach wieder ein halbes Jahr zu reisen.

So viel zu meinem vermeintlich perfekten Bewerbungsgespräch. Immerhin bin ich um eine Erfahrung reicher.

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