Neulich im Zug mit einer Familie…

Samstagabend, der Zug ist überfüllt, alle wollen nach Hause. Ich steige ein, schaue mich um, sehe zwei Viererplätze. Zwei Sitze sind noch frei. Zwei Männer, eine Frau, drei Kinder. Ich setze mich zu ihnen. Sie unterhalten sich in einer guten Lautstärke. Ich höre zu. Die Kinder schlafen alle.

Ich frage mich, in welcher Beziehung die Personen wohl zueinander stehen. Vielleicht ein Paar mit Kindern und dann noch jemand, vielleicht der Schwager oder ein Freund. Ich frage mich, wo die Personen wohl waren. Ich frage mich, worüber sie sich wohl unterhalten. Ich höre zu. Verstehe kein Wort. Der Mann mir gegenüber zieht dem Buben, der auf seinen Knien schläft, die Turnschuhe an. Die Kinder sind offensichtlich sehr müde, wollen nicht aufstehen. Kinder eben. Ich erinnere mich auch an Situationen, in denen ich als Kind im Auto geschlafen habe und partout nicht aufstehen wollte, als wir irgendwo ankamen. Den Kindern geht es wohl genauso. Friede überkommt mich. Ich mag die Melodie ihrer Sprache, ich mag die harten Vokale.

Wir stehen auf. Von hinten drängt sich ein Mann nach vorne. Er sieht irgendwie frustriert aus. Ich frage mich, was er denkt, als er sich nach vorne zwängt. Er gibt sich die grösste Mühe, möglichen Körperkontakt zu verhindern. Ich glaube, ich will nicht wissen, was er denkt.

Wir stehen auf. Ich frage meine Mitreisenden, ob sie Tigrinya sprechen (obwohl ich genau weiss, dass sie das tun). Der Mann, der mir gegenüber sass, schaut mich mit leuchtenden Augen an. Er sagt: Ja! Ich sage: Ich mag Tigrinya – eine sehr schöne Sprache. Er übersetzt, was ich gesagt habe. Er sagt tzubuk – das tönt aber eher wie zboh. Ich wiederhole das Wort, es ist wohl das einzige, das ich in Tigrinya kenne (ausser Injera, natürlich). Die Leute schauen mich an, ich sage, das heisst gut, oder? Sie freuen sich. Ich freue mich. Ja, ich freue mich. Ein schöner Moment.

Als ich nach Hause laufe, denke ich, schade eigentlich, dass sich die Kontakte mit Flüchtlingen auf so kurze, flüchtige Begegnungen beschränken. Wir könnten so viel voneinander lernen, einander so viel geben, aber vielleicht sind diese kurzen Begegnungen ja auch ein Anfang, wer weiss.

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3 Gedanken zu “Neulich im Zug mit einer Familie…

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