Darf man sich eigentlich fremd-verlieben?

Wahrscheinlich haben es die meisten von uns schon erlebt: Wir haben uns fremd-verliebt. Das heisst: Wir sind zwar vergeben, aber verlieben uns in einen anderen. Oder wir schwärmen für ihn. Oder stehen auf ihn. Er wirbelt den ganzen Staub auf, verschafft uns Schmetterlinge im Bauch und unsere Phantasie kann sich nur noch auf ein Wiedersehen mit ihm konzentrieren.

Mir ist das ein paar Mal passiert. Und wenn ich mich in meinem Freundes-/Bekanntenkreis umhöre, dann stelle ich fest, dass ich nicht alleine mit dieser Erfahrung bin. Es kann jedem passieren, sich fremd zu verlieben und es passiert tatsächlich vielen von uns. Klar ist die Wahrscheinlichkeit grösser, je länger man in einer Beziehung ist. Aber keine Regel ohne Ausnahme. Passieren kann es jedem – jederzeit.

Ich erinnere mich an einen Mann, bei dem mir das ziemlich krass passiert ist. Ich war damals vergeben und lernte diesen Mann kennen. Wir wurden Kollegen, später Freunde und ich schwärmte Tag und Nacht für ihn. Ich wusste zwar, dass ich niemals mit ihm zusammen sein wollen würde – nicht nur, weil ich vergeben war –, aber ich fand ihn unbeschreiblich faszinierend. Faszinierend, einzigartig und vor allem anders als andere: Ein Freigeist, der wahnsinnig intelligent ist, mich aber optisch nicht besonders ansprach. Ich fand ihn so intelligent, dass ich an seinen Lippen hing, wenn er wieder philosophische Ausschweifungen produzierte. Oft verstand ich nur einen Bruchteil von dem, was er sagte. Und vielleicht reizte mich genau das: Ich wollte mit ihm durch diese Sphären reisen, ihm folgen, ihn verstehen. Wie so oft bei diesen extrem-intelligenten Menschen, die künstlerisch-philosophisch begabt sind, gab es auch eine dunkle Seite: Er war depressiv. Manchmal verschloss er sich wochenlang in seiner Wohnung und liess niemanden an sich heran. Und dann wieder war er gut drauf und wir machten unvernünftige Dinge, tranken, gingen die ganze Nacht in den Ausgang. Einmal, daran erinnere ich mich gut, musste ich am nächsten Tag zur Arbeit. Ich war völlig durch den Wind, aber mein Verantwortungsbewusstsein hätte es nicht zugelassen, die Arbeit sausen zu lassen. Da tickte er anders.

Nein, wir hätten nie ein Paar sein können. Ich wollte nie mit ihm zusammen sein, ich wollte ihn nicht gernhaben, aber ich schwärmte von der Vorstellung, mit ihm zu sein und mich von ihm mitreissen zu lassen. Mit ihm Dinge zu tun, bei denen mir normalerweise mein Verantwortungsbewusstsein oder meine Vernunft im Weg stehen. Ich schwärmte davon, Zeit mit ihm zu verbringen. Und das taten wir. Wir trafen uns, wir kokettierten, wir flirteten, wir sprachen über Gott und die Welt. Doch ich konnte und wollte mich nicht mit seiner dunklen Seite beschäftigten. Ich mochte diesen Mann, wenn er gut drauf war. Ich hätte mich davor gefürchtet, ihm an schlechten Tagen nahe zu sein.

Solche oder ähnliche Erfahrungen machen viele von uns. Und um die Frage zu beantworten, ob es in Ordnung ist, sich fremd zu verlieben: Ja, das ist es. Absolut in Ordnung. Die Grenzen muss man sich aber definitiv klar machen. Sich und vielleicht dem anderen. Sich zu verlieben oder für jemand anderen zu schwärmen, ist nichts Schlechtes. Es kann sogar die eigene Beziehung beleben. Man fängt natürlich an, sein Leben zu hinterfragen und kommt danach mit einer wichtigen Erkenntnis heraus. Es ist gut, sich fremd zu verlieben, weil man sich dann ganz klar die Frage stellt: Will ich in dieser Beziehung bleiben? Oft ist die Antwort: Ja. Und das ist auch gut so. Ein schlechtes Gewissen ist nur bedingt nötig. Denn schlussendlich macht euch dieser Ausflug auch glücklich und zufrieden und dieses kleine Geheimnis dürft ihr definitiv für euch behalten.

 

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