Worüber wir nicht reden: Suizid.

Die Einleitung sollte ursprünglich so aussehen: Aus aktuellem Anlass habe ich mich entschieden, über das Thema Suizid zu schreiben. Dann dachte ich aber: Der Anlass ist nicht so aktuell. Das Thema ist zwar omnipräsent, aber mein persönlicher Anlass liegt schon eine ganze Weile zurück und jährt sich. Um genau zu sein heute – heute zum zwölften Mal. Und vielleicht ist er deshalb eben auch immer aktuell, weil er für mich eine bedeutende Rolle in meinem Leben spielt. Spielte. Und wahrscheinlich immer noch spielt. Denn er hat Narben hinterlassen.

Das Thema ist für mich von besonderer Bedeutung und berührt mich immer. Und ich ertrage Scherze dieser Art nicht. Menschen sagen oft so etwas, wie: Wenn dieses oder jenes nicht eintrifft, dann stürze ich mich von einer Brücke. Oder vor einen Zug. Oder dann gebe ich mir einen Kopfschuss. Ja, die Menschen machen solche Aussagen. Und ich möchte die Menschen auch gar nicht dafür verurteilen. Aber es sagt mir eines über diese Menschen: Sie haben noch nie einen Suizid in ihrem nächsten Umfeld erlebt. Sonst würden sie das nämlich nie mehr in ihrem Leben sagen. Wir, die wir Erfahrungen haben mit diesem Thema, sagen das nicht. Nie. Nie mehr in unserem Leben. Und um ehrlich zu sein: So etwas sagte ich früher auch. Früher heisst bis vor dreizehn Jahren. Seitdem nicht mehr und seitdem nie wieder. Und ich bin äusserst sensibel darauf, wenn das jemand sagt. Aussagen wie diese fühlen sich für mich an wie ein Messer, das mir direkt ins Herz sticht. Ich weiss, dass diese Menschen erstens nicht meinen, was sie sagen. Zweitens wollen sie mich auch gar nicht damit verletzen. Meist wissen sie auch gar nicht, dass ich sensibel auf dieses Thema bin. Und darum nehme ich es ihnen nicht übel. Aber wenn ich etwas tun kann, dann würde ich euch bitten, solche Aussagen nicht mehr zu machen. Aus Respekt vor Menschen, die sensibel darauf reagieren. Und weil es ohnehin unschön ist, so etwas aus Jux zu sagen.

Suizid – dafür gibt es so viele verschiedene Bezeichnungen: Selbstmord, Selbsttötung, Freitod. Mord und Tötung sind strafrechtlich von Belang und werden strafrechtlich verfolgt. Es gibt zwar einen Unterschied zwischen Mord und Tötung – je nach Tatbestand, Motiv und Moment, aber ihnen ist gemeinsam, dass sie strafrechtlich verfolgt werden. Wenn sich jemand selbst tötet und dabei keine Menschen in Gefahr bringt oder den Versuch unternimmt, sich das Leben zu nehmen, so wird er strafrechtlich nicht verfolgt. Damit scheiden für mich die beiden Bezeichnungen Selbstmord und Selbsttötung grundsätzlich aus.

Freitod ist im engeren Sinne aufwertend. Im ersten Moment denkt man: Klar entscheiden wir frei darüber, was wir mit unserem Leben anstellen und auch, ob wir weiterleben möchten oder nicht. Aber wenn man sich das etwas genauer überlegt, dann frage ich mich: Ist diese Entscheidung wirklich frei – frei von allem Einfluss? Sind wir in der Entscheidung, nicht mehr weiterleben zu wollen, tatsächlich frei? Oder sind nicht vielmehr verschiedene Ursachen und Einflüsse in einer Wechselwirkung miteinander verbunden, sodass dieser Entscheid gar nicht mehr so richtig frei ist? Ich glaube ja. Ich glaube nämlich nicht, dass diese Entscheidung jemals wirklich frei sein kann. Es gibt immer Ursachen, Beziehungen zwischen verschiedenen Ursachen, Leiden, Gründen und diese führen dann dazu, dass Menschen sich gegen das Leben entscheiden können.

Darum verwende ich grundsätzlich den Begriff Suizid, weil ich ihn für neutral und für nicht wertend halte. Denn darüber zu urteilen oder zu werten, untersteht mir nicht. Nie. Nicht einmal, wenn der Mensch, der sich für den Suizid entschieden hat, mir nahesteht. Es obliegt mir einfach nicht, darüber zu urteilen. Ich urteile ja schliesslich auch nicht darüber, dass die meisten Menschen sich für das Leben entscheiden.

Vor dreizehn Jahren führte die Schweiz gemeinsam mit Japan die Liste mit der höchsten Suizidrate an. Jetzt merke ich erfreulicherweise, dass dem nicht mehr so ist. Wir gehören nicht mehr zu den zehn Ländern mit der höchsten Suizidrate. Die Suizidrate sinkt seit 1990 tatsächlich immer weiter. Das ist erfreulich. Dennoch stirbt laut WHO alle 40 Sekunden weltweit ein Mensch durch Suizid. In der Schweiz sind es ungefähr drei Personen täglich. Wobei die Personen meistens männlich sind. Männer nehmen sich häufiger das Leben als Frauen. Ich könnte jetzt darüber spekulieren, weshalb das so ist – weshalb die Suizidrate erfreulicherweise sinkt (wobei ich davon ausgehe, dass bspw. die Wirtschaftskrise 2008 einen gewissen Impact darauf hatte), aber ich lasse es.

Stattdessen möchte ich etwas Grundsätzliches loswerden. Wenn man mit Menschen über Suizid spricht, dann erfährt man, dass extrem viele Menschen direkt oder indirekt davon betroffen sind. Die meisten von uns kennen jemanden aus dem engeren oder erweiterten Freundes-/ Bekanntenkreis, der sich das Leben genommen hat – der Vater, die Mutter, ein Arbeitskollege, der Partner etc. Seien wir sensibel mit diesen Menschen und bringen wir ihnen Empathie entgegen. Es gibt wirklich nichts Schlimmeres, als wenn Aussenstehende über den Suizid eines anderen Menschen urteilen. Mir hat einmal ein Lehrer gesagt: „Du weisst ja, dass Suizid von Gott bestraft wird.“ Tja, ich weiss bis heute nicht, was er mir mit dieser Aussage sagen wollte. Und ich weiss auch nicht, wie ein gebildeter Mann auf die Idee kommt, mir diese Information nicht vorenthalten zu wollen. Und überhaupt: Woher weiss er das? Weil es in der Bibel steht? Es ist gemäss Bibel wohl eine Sünde. Früher wurden Menschen, die sich das Leben genommen hatten, schliesslich auch nicht bestattet. Das wissen wir. Das ist heute zum Glück anders. Als ob die Angehörigen nicht schon genug Leid erfahren hätten, als dass sie sich noch mit solchen Problemen herumschlagen wollten. Die Gesellschaft hat sich verändert, das Thema ist präsent und es gibt, so meine ich, eine ziemlich gute Suizidprävention in der Schweiz. Ganz wird man Suizide nie vermeiden können, aber es gibt ein wirklich gutes Auffangnetz in der Schweiz – Schuldenberatung, psychologische Betreuung, Familienberatung etc.

Das war mein heutiges Wort zum Sonntag. Nicht besonders ein aufstellendes Thema, ich weiss. Aber notwendig. Und für mich ein wichtiges Anliegen.

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