Man sollte immer verliebt sein. Das ist der Grund, warum man nie heiraten sollte. (Oscar Wilde, 1893)

Kürzlich stolperte ich lesend über das obige Zitat, welches ich mir für den Titel dieses Beitrags von Oscar Wilde – Gott habe ihn selig – ausgeliehen habe. Oscar Wilde habe ich schon einige Male in meinen Beiträgen erwähnt, denn ich finde seine Aussagen und seine Liebesbriefe höchst intelligent und zugleich ergreifend. Er versteht es perfekt, Nähe und Distanz zu verbinden und seine Texte haben eine Wirkung wie ein Wolkenmeer, wenn ich im Flugzeug sitze.

Versuchen wir, dieses Zitat etwas aufzuschlüsseln. Keine Angst, ich gebe hier keine Interpretation zum Besten. Das liegt mir nicht. Oder besser: Ich habe mich interpretationsmässig nur mit Texten bis 1700 beschäftigt und lese Texte, die später entstanden, lediglich zur Erquickung und zur Zerstreuung. Versuchen wir doch einfach, diese Aussage in unser 21. Jahrhundert zu ziehen. Ein ein Viertel Jahrhunderte später scheint diese Aussage noch immer so viel Substanz zu haben, dass es sich durchaus lohnt, sich mit ihr auseinander zu setzen.

Im Gegensatz zu heute war früher vieles anders. Fast alles, wenn wir es genau nehmen. Nur die Liebe nicht, davon bin ich überzeugt. Falls ihr mir nicht glaubt, dann lest einmal einen mittelalterlichen Liebestext oder mittelalterliche Liebesgedichte. Oscar Wildes Zeit unterschied sich in zwei wesentlichen Punkten von unserer: Erstens wusste man damals noch nicht, dass die Verliebtheitsphase maximal ein Jahr anhält. Zweitens war man gezwungen, bald zu heiraten, wenn man zusammen sein wollte. Man heiratete also noch in der Phase der Verliebtheit, wenn man überhaupt zu den Glücklichen zählte, die sich ihren Ehepartner selbst aussuchen durften. Das sind die zwei wesentlichen Unterschiede zwischen Oscar Wildes Zeit und unserer. Hinzu kommt im Falle von Wilde, dass er als Homosexueller Zeit seines Lebens nicht die Vereinigung mit seinem Geliebten finden und leben durfte und kläglich daran zerbrach. Das mag natürlich auch noch einen Einfluss auf diese Aussage gehabt haben. Aber bleiben wir bei den ersten zwei, die sich gewissermassen auch bedingen.

Heute ist das anders. Wir verlieben uns, führen eine Partnerschaft und wenn diese gefestigt ist und sich richtig anfühlt, heiraten wir. Vielleicht. Vielleicht heiraten wir auch nicht oder nie oder mehrmals. Wir nehmen es nicht mehr so eng mit dem heiraten, wir müssen ja schliesslich nicht mehr so wie die Menschen früher. Frauen sind heute – in der Regel – nicht mehr auf die Einkünfte der Männer angewiesen und Männer können sich das, was ihnen eine Frau geben könnte, auch anders besorgen. Wir sind selbständiger geworden, freier, aber auch flatterhaft und unstet. Wir können uns oft nur schwer entscheiden, glauben, etwas zu verpassen, wollen uns nicht (so richtig) binden, wollen frei sein und in der Beziehung frei bleiben. Wollen den Fünfer und das Weggli. Ob das funktioniert, ist ein anderes Thema.

Das Zitat berührt mich, wie ihr seht, sonst würde ich wohl keinen Text darüber schreiben. Ich bin jetzt in einem Alter, in welchem einige meiner Freunde heiraten. Andere heiraten nicht. Manche werden nie heiraten und wohl ihr Leben lang mit ihren Partnern glücklich sein. Ob heiraten heute einen Sinn hat, muss jeder – und darf vor allem auch jeder! – für sich selbst entscheiden.

Ich selbst träume nicht von einer grossen Hochzeit. Im Gegenteil. Würde ich heiraten, dann am liebsten so klein und einfach wie nur möglich. Mit Dosenbier und einem Einweggrill am See? Oder einfach in einem Restaurant à la carte? Oder zu zweit barfuss am Strand? Irgendwie so etwas in diesem Stil.

Aber heiraten ist weit mehr als nur die Hochzeit. Es ist eine Grundsatzentscheidung, und beantwortet nicht nur die Frage: Liebe ich diesen Menschen und möchte ich mit ihm – im Idealfall – mein Leben lang zusammenbleiben? Es sind viel mehr Fragen, die sich stellen. Halte ich es aus, jemandem rechtlich verpflichtet zu sein? Bin ich bereit, meinen Ledigenstatus für immer aufzugeben und nie wieder ledig zu sein? Dann kommen Fragen hinzu wie die der Namen, der Tatsache, dass man sich nach dem Heiraten bei den Steuerbehörden in einen VIP-Rang katapultiert usw.

Jede(r) entscheidet selbst. Ich bin sehr glücklich, dass ich mich in meinem Leben noch nicht dazu entschieden habe, denn ich hätte wohl den falschen geheiratet. Sollte sich die Frage eines Tages stellen, dann denke ich, sollte man gemeinsam darüber diskutieren – die Pro und Contras abwägen und durchaus auch Platz für die Romantik lassen.

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