Der Egoismus des Altruismus

Ich möchte euch über eine Erfahrung, die ich neulich gemacht habe, erzählen. Ich würde sagen, dass ich grundsätzlich ein hilfsbereiter Mensch bin. Das heisst nicht, dass ich die Probleme anderer Menschen lösen will oder kann, aber es heisst, dass mich die Dinge bewegen, dass mich Schicksale empathisch machen und ich mir dessen, was ich habe, durchaus bewusst bin. Ich bin mir meines Glückes bewusst, des Privilegs in meinem Leben – der Tatsache, dass ich hier geboren wurde und aufgewachsen bin, der Tatsache, dass mir die Bildung zu Füssen lag und ich sie aufgesaugt habe wie ein Schwamm, der Tatsache, dass ich, obwohl es so nicht stimmt, das Gefühl habe, mit einem goldenen Löffel im Mund auf die Welt gekommen zu sein. Mir ist bewusst, wer ich bin und was ich bin, bin ich, weil ich in meinem Leben viele Privilegien hatte, die Menschen in anderen Ländern nicht haben: Ich wuchs relativ beschützt in einem friedlichen Land auf, in dem Bildung zur Selbstverständlichkeit gehört und kostenlos ist. Alles, was es braucht, ist ein bisschen Ehrgeiz und eine Portion Fleiss. Und ich hatte das grosse Glück, dass Menschen an mich geglaubt haben und an mich glauben, dass sie mich deshalb gefördert haben und fördern, dass ich – trotz einigen schwierigen Momenten in meinem Leben – ein gesundes Umfeld hatte.

Vielleicht sind dies alles die Gründe, weshalb ich mich manchmal altruistisch verhalte. Empathie halte ich für eine der wichtigsten Gaben, die Menschen haben können. Nicht-empathische Menschen sind für mich Menschen ohne Gefühl, ohne die Gabe, sich in andere hineinzuversetzen. Altruismus bedeutet, dass man etwas für jemanden tut, ohne etwas davon zu haben. Und ich glaube, dass die Definition per se falsch ist. Ich glaube nämlich nicht, dass Menschen jemals etwas für andere tun, ohne selbst etwas davon zu haben. Davon möchte ich euch heute berichten.

Kürzlich wurde ich nach einem Rat gefragt. Was sollen wir tun, wollte meine Freundin wissen. Ich überlegte kurz, schlug ihr ein paar Möglichkeiten vor und stellte mich zur Verfügung, mich darum zu kümmern. Sie nahm meinen Vorschlag gerne an und so kümmerte ich mich um die Angelegenheit. Vielleicht muss ich sagen, dass sich die Familie gerade in einer schwierigen Lebensphase befindet und mein Empathie-Gefühl darum verstärkt war. Ich kümmerte mich darum. Es war keine grosse Sache – ich investierte wenige Stunden und die Sache war dann erledigt. Einige Wochen später wollte ich gerne wissen, wie das Ergebnis war. Und das Ergebnis war zu meinem Erstaunen sensationell. Die paar Stunden, die ich investiert hatte, hatten einen positiven Impact auf die Familie und die Dinge hatten sich gelöst. Klar hatte nicht ich die Probleme gelöst, aber ich hatte wohl einen Anstoss dazu gegeben. Und wer mir jetzt ernsthaft sagt, Altruismus sei nicht egoistisch, der soll mir das bitteschön erklären. Und wie ist Altruismus egoistisch! Was hatte ich davon? Eine Menge! Das Gefühl, etwas Gutes oder das Richtige getan zu haben, ohne dafür Geld oder eine andere Gegenleistung zu bekommen, mag vielleicht altruistisch motiviert sein. Aber die Tatsache, dass meine „Investition“ Früchte getragen hat, ist definitiv nicht un-egoistisch – sie gibt mir das Gefühl, eine sinnvolle Investition getätigt zu haben. Ich habe meine Zeit investiert und das Ergebnis übersteigt alle Erwartungen. Und das gibt mir ein gutes Gefühl. Das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben. Jemandem geholfen zu haben, der sich im Moment aufgrund der schwierigen Lebensphase nicht selbst darum hätte kümmern können.

Altruismus ist egoistisch. Aber das macht gar nichts. Wichtig ist, dass wir uns dessen bewusst sind, dass wir etwas für andere tun, weil es uns ein gutes Gefühl gibt, jemanden zu unterstützen, jemanden zu begleiten, jemandem zu helfen. Und selbst wenn Egoismus der Motor für Altruismus ist, so ist das in Ordnung. Hauptsache wir denken an andere und tun im richtigen Moment, was wir tun können. Auch wenn ich nicht religiös bin, so bin ich dennoch davon überzeugt, dass Gutes zurückkommt, wenn man Gutes tut.

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