Racial Profiling – hautnah dabei

Wir wissen, dass es racial profiling gibt. Wir wissen alle auch, dass es angewendet wird, obwohl es im Grunde genommen rassistisch motiviert ist. Oder wie die Behörden sagen würden: Es beruht auf Erfahrungswerten. Nett ausgedrückt, oder? Nein, nicht einmal das ist nett ausgedrückt. Man kann racial profiling nicht schönreden. Ich weiss, dass Menschen, die nicht aussehen, als stammten ihre Vorfahren aus der Schweiz, häufiger Kontrollen unterzogen werden. Das wissen wir alle. Aber erst kürzlich bin ich Zeugin davon geworden.

Ich sass nichts ahnend im Zug. Alleine im Vierer. So, wie wir Schweizer es eben gerne mögen: Jeder besetzt zuerst einmal einen Vierer bis alle Vierer mit einer Einzelperson besetzt sind. Erst dann setzen sich weitere Personen dazu, aber wirklich erst, wenn alle Vierer mit jemandem besetzt sind. So sind wir nun mal. Darüber kann man denken, was man will.

Im Vierer neben mir sass ein junger Mann, vielleicht knapp 20 Jahre alt, könnte noch in der Lehre sein oder gerade damit fertig. Hautfarbe: Etwas gebräunt, aber nicht wirklich dunkel. Er könnte vielleicht aus der Türkei stammen, vielleicht aber auch aus Nordafrika. Er könnte aber auch aus Sizilien stammen oder aus Spanien. Genau kann ich es wirklich nicht einordnen und muss ich auch nicht, ist mir eigentlich egal, woher seine Eltern stammen.

Und dann die Kontrolle von unserem Freund und Helfer. „Ausweis bitte!“ – sagt der junge Beamte zu meinem Sitznachbarn. Mein Sitznachbar zückt höflich das Portemonnaie, zieht seinen Ausländerausweis heraus, ohne zu fragen, weshalb seine Identität kontrolliert werde. Ich hätte zu diesem Zeitpunkt wohl schon lange eine Diskussion angefangen. Wieso wollen Sie meinen Ausweis sehen? Gibt es Grund zur Annahme, dass ich mich nicht ausweisen kann? Suchen Sie gerade jemanden mit meinem Profil? Wieso werde ich ohne Grund nach meiner Identität gefragt? Und so weiter. Mein Sitznachbar tat nichts dergleichen. Der Beamte nahm den Ausweis an sich, töckelte etwas in sein Natel – wohl um die Identität meines Sitznachbarn zu überprüfen. Die Überprüfung ergab wohl nichts Aussergewöhnliches oder Beunruhigendes, weshalb der Beamte zur Tat schritt: Was haben Sie im Rucksack, wollte er wissen. Mein Sitznachbar erklärte, das seien Dinge, die er für die Arbeit brauche. Der Beamte kontrollierte den Rucksack. Auch da war das Ergebnis erfolglos, weshalb sich der Beamte entschied, meinen Sitznachbarn abzutasten. Mein Sitznachbar verhielt sich weiterhin ruhig und höflich, stellte sich dem nicht entgegen. Ich hätte schon lange gefragt, ob er befugt dazu sei. Was der Grund dafür sei. Und so weiter. Auch das Abtasten blieb ergebnislos: Keine Drogen, keine Waffen, nichts Verbotenes. Und da wollte der gute Mann wieder abdüsen.

Er hatte aber nicht mit mir gerechnet. Ich hatte mein Portemonnaie als brave Bürgerin schon gezückt, schliesslich ging ich davon aus, dass auch ich kontrolliert werden würde. Das war jetzt ein Scherz. Klar ging ich davon aus, dass ich nicht kontrolliert werden würde. Wozu auch? Ich wurde noch nie einfach so kontrolliert. Dennoch tat ich so, wie wir es mit dem Zugkontrolleur gelernt haben: Sobald einer etwas kontrolliert, zücken wir brav unsere Portemonnaies, um uns auszuweisen. Nur in diesem speziellen Fall ging es ja um die Identität. Meinen Ausweis hatte ich noch nicht gezückt, schliesslich wollte der Beamte den ja gar nicht sehen. Aber ich hielt den guten Mann auf.

„Wollen Sie auch meinen Ausweis sehen?“, erkundigte ich mich scheinheilig und naiv. „Nein.“, gab der Beamte zurück. Mein Freund und Helfer. Also fragte ich: „Wieso? Bin ich zu hell, um kontrolliert zu werden?“ So, wie meine Haut hell ist, wurde seine rot. Der gute Mann, mein Freund und Helfer, lief rot an, als hätte ich ihn gefragt, ob wir auf der Stelle ein Nümmerchen schieben wollten. Wäre auch lustig gewesen. Aber nicht so demütigend wie mein Rassismus-Vorwurf. Er schaute mich an, murmelte so etwas wie: „Kommt ganz darauf an!“, fügte an: „Ich will mit Ihnen nicht diskutieren“, drehte sich um und ging genickt seines Weges. Seines Weges zur nächsten nicht ganz so weissen Person. Racial Profiling eben. Da falle ich durch mit meiner bleichen Haut. Mich will keiner kontrollieren. Nie. Wozu auch?

Klar, auch ich wäre eine Nullnummer so wie mein Sitznachbar. Nur, dass bei mir keiner nach dem Augenschein Zweifel hat. Wozu auch? Terroristen sind nicht weiss. Wie ist es aber mit Mördern, Vergewaltigern usw.? Oder mit illegalen Personen? Alle nicht weiss? Weisse Menschen begehen keine kriminellen Taten, sie sind einfach brave Bürger, die ihre Steuern zahlen und das Recht befolgen? Dafür sind alle anderen per se verdächtig?

Ganz ehrlich: Ich liebe mein Land, aber in solchen Situationen schäme ich mich für mein Land, bin enttäuscht. Zutiefst.

Was wir tun können? Mehr als die Menschen, denen Unrecht angetan wird, in Schutz zu nehmen, indem wir uns aufmüpfen, wohl nicht. Aber immerhin, oder?

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