Müssen wir überhaupt noch über Work-Life-Balance reden?

Work-life-balance hier, work-life-balance dort. Das Thema ist wichtiger denn je – und wird immer wichtiger mit der zunehmenden Digitalisierung, so wird es uns erklärt. Und eigentlich stimme ich dem zu. Nur frage ich mich auch: Ist das Thema nicht schon langsam „ausgelutscht“?

Ständig reden wir darüber, überlegen uns, wie wir zu einer besseren work-life-balance kommen. Fitnessstudios und Yoga-Studios spriessen wie Pilze aus dem Boden; gesundes Bio-Essen für den Mittag zum Mitnehmen gibt es bald an jeder Ecke. Niemand geht mehr zu den Fastfoodketten oder bestellt sich Pizza ins Büro. Stattdessen stressen wir kurz über die Strasse zum angesagten vegetarischen Superfood-Bio-Restaurant, um unsere Superkräfte mit Quinoa, Kürbiswürfeln, Randenschnitzen, Erbsentäschli und Kurkumaeintopf anzuregen. Darüber streuen wir noch Chia- und Leinsamen und noch ein wenig Feigen-Chutney. Vielleicht noch ein Orangen-Limetten-Dressing für den Salat, um auch genug Vitamin C zu uns zu nehmen, damit wir den Winter auch ja gesund überstehen. Holen, essen, fertig. Wenigstens mit einem guten Gewissen. Schliesslich hat man mit der Portion viele Mineral-, Ballaststoffe und Vitamine zu sich genommen. Um nicht zu sagen: Sich etwas Gutes getan. Und zurück zur Arbeit.

Ok, ein wenig überspitzt war das jetzt schon. Aber im Grunde habe ich wohl nicht unrecht. Und um ehrlich zu sein: Ich bin wohl nicht das beste Beispiel für eine gelungene work-life-balance. Ja, ich bin der Typ, der gerne mal hin und her stresst. Ja, ich bin der Typ, der sich schnell was zu essen holt. Ich bin auch der Typ, der abends noch ins Yoga stresst, um abzuschalten. Vermeintlich abzuschalten. Wenn ich ehrlich bin, kreisen im Yoga trotzdem oft noch Gedanken um den Alltag in meinem Kopf.

Müssen wir über work-life-balance noch reden? Oder anders gefragt: Ist work-life-balance überhaupt möglich? Ich weiss nicht, wie es euch geht, aber meine Gedanken und Ideen bleiben nicht im Büro, nur weil ich das Büro verlasse. Früher gelang mir das wesentlich besser. Aber früher war auch eine andere Situation. Früher war mir die Arbeit eben egal. Ich ging hin, sie machte mir zwar einigermassen Spass, war meist spannend und der Lohn war auch ganz in Ordnung. Aber so richtig interessiert hat sie mich nicht. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich nicht bewirken bzw. bewegen konnte. Ich führte eigentlich wie so ein Roboter die Dinge aus, wie sie ausgeführt werden mussten. Kreativität war da nicht gefragt. Commitment auch nicht (zumindest war es nicht zwingend). Engagement auch nicht. Eigentlich machte man ohnehin einfach besser eine gute Arbeit, ohne gross nach zu fragen. So gesehen war es sehr einfach: Aus den Augen, aus dem Sinn.

Aber vermutlich hat es nicht einmal mit der Arbeit etwas zu tun, ob man die Arbeit loslassen kann, wenn man sie verlässt. Ich kann mir gut vorstellen, dass auch Menschen im Feierabend über ihre Arbeit nachdenken, von denen das nicht im Geringsten verlangt, ja nicht einmal gewünscht wird. Bei einer repetitiven Arbeit denkt man halt über Konflikte mit den Kollegen nach, über ein Problem mit einer Maschine oder die falsche Lieferung, die zum Produktionsverzug geführt hat. Ich glaube, über die Arbeit nachdenken, kann man immer, ganz egal, wie die Arbeit eben ist.

Klar habe ich Strategien, um abzuschalten – etwas unternehmen, Sport machen, lesen, sinnlos auf Facebook herumsurfen usw. Manchmal hilft das eine, manchmal das andere. Leider weiss ich das nicht im Vornherein. Aber oft folgt mir mein Kopf nicht, wenn ich ihm sage: Du hast jetzt Feierabend. Kreativ und lösungsorientiert kannst du morgen wieder sein. Entspann dich jetzt und denk über etwas Schönes nach. Apropos, kennt ihr den hier: Denkt nicht an einen rosa Elefanten! Woran habt ihr gedacht? Logo, an einen rosa Elefanten. Und so ist das mit meinem Kopf eben auch. Je mehr ich denke: „Denke nicht an die Arbeit! Hör auf an dieses oder jenes zu denken“, desto mehr denke ich genau darüber nach und ärgere mich über mich selber. Dann denke ich: Hey, du kannst ja morgen wieder zur Arbeit gehen und all die Dinge erledigen und einleiten, die du dir jetzt überlegt hast – oder noch besser: Morgen bei der Arbeit kannst du sie dir erstmal in Ruhe überlegen!

Und irgendwann, so nach ein paar Stunden „Kampf“ mit meinem Gehirn, nach ein paar „Denk nicht!“ und „Denk besser an den Strand in der Bretagne an der Klippe in den letzten Ferien!“, nach einer Yoga-Stunde und einem ultra-gesunden Superfood-Abendessen ist sie dann weg, die Arbeit. Womit dann auch wirklich die Entspannung einsetzt. (Manchmal frage ich mich, ob es mit Kindern einfacher wäre, wenn man welche hätte. Ob man dann krass in die Familienwelt katapultiert wird und einfach keine Zeit mehr hat, um über die Arbeit nachzudenken.)

Für viele mag wohl der Diskurs um die work-life-balance tatsächlich ausgelutscht sein. Für mich manchmal auch, aber wohl nur, weil sie mir im Moment so schlecht gelingt und ich mit ihr mehr auf Kriegsfuss stehe als ihr freundschaftlich verbunden bin.

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